»Die schrecklichen Ereignisse vor drei Jahren haben uns deutlich ins Gedächtnis gerufen, dass Schule niemanden zurücklassen und niemanden aufgeben darf. Jeder gehört dazu, weil eben jeder gebraucht wird.« Rede von Bundeskanzler Gerhard Schröder zur Wiedereröffnung des Gutenberg-Gymnasiums in Erfurt.

 

Auszüge aus der Rede:

 

„Ich danke Ihnen sehr, dass Sie mich hier nach Erfurt eingeladen haben, um gemeinsam mit Ihnen das neue Schulgebäude des Johann-Gutenberg-Gymnasiums einzuweihen. Wir wissen: Im April 2002 ist das Gutenberg-Gymnasium durch ein entsetzliches Ereignis in die öffentliche Wahrnehmung geraten. Ein damals 19-jähriger Schüler tötete 16 Menschen und schließlich sich selbst. Dieses Verbrechen hat wie kaum ein anderes ganz Deutschland zutiefst schockiert und es in Trauer und auch Anteilnahme vereint. Wir alle haben uns gefragt: Wie konnte es zu dieser Bluttat kommen? Was können wir tun, um solche Verbrechen zukünftig zu verhindern?

 

In den vergangenen Jahren wurden Ursachen und Folgen der Tat immer wieder untersucht und diskutiert, manchmal nicht sehr sachgerecht. Im parteiübergreifenden Konsens wurden gesetzliche Konsequenzen gezogen, etwa beim Jugendschutz, beim Waffenrecht, aber auch im Schulrecht. Einige Antworten, warum ein solches Verbrechen geschehen konnte, sind sicher gegeben worden. Wirklich verstehen aber, so denke ich, können wir alle die Tat noch immer nicht. Sie wird etwas Unfassbares und Unbegreifliches behalten.

 

Wir haben gemeinsam um die Opfer getrauert und unser Mitgefühl mit allen, die Freunde, Klassenkameraden oder Angehörige verloren haben, gezeigt. Freunde und einander Fremde standen zusammen. Ein ganzes Land hat mit den Betroffenen gefühlt, mit denen, die das Gutenberg-Gymnasium hier in Erfurt ausmachen. Jetzt ist Zeit vergangen. Dennoch wird die Trauer und der Schmerz über das Geschehene viele, insbesondere die Angehörigen, nicht losgelassen haben. Die Wunden, die dieser Tag gerissen hat, sind eben nicht geheilt, weder in den Köpfen noch in den Herzen.

 

Warum – so fragen immer noch ganz viele – traf eine solche Tat eine Schule? Und noch mehr wird gefragt und muss gefragt werden: Was können wir miteinander tun, um dies in Zukunft zu verhindern? Mit diesen Fragen haben sich hier in Erfurt und weit über Erfurt hinaus ganz viele Menschen ganz intensiv auseinander gesetzt. Aber gerade hier wurden viele Schritte getan, um über das schreckliche Ereignis hinwegzukommen und um wieder in der Lage zu sein, mit Zuversicht nach vorne zu schauen.

 

Ein wichtiger – und wie ich finde auch richtiger – Schritt war Ihre eigene Entscheidung, das Schulgebäude nach einer Übergangsphase wieder als Schule und als nichts anderes zu nutzen. Alle Beteiligten – die Schule, die Stadt Erfurt, das Land Thüringen und die Bundesregierung – haben sich sehr rasch und einmütig darauf verständigt, Sie, die Schülerinnen und Schüler, wieder in das alte, jetzt nicht mehr ganz so alte Gebäude einziehen zu lassen. Von Anfang stand aber fest, dass die Schule nicht nur saniert werden sollte, sondern grundlegend neu gestaltet werden musste.

 

Wir haben dafür gern die Finanzierung übernommen. Es war auch ein Zeichen der bundesdeutschen Solidarität, und zwar ganz Deutschlands, mit Erfurt und seinem Gymnasium. Es war ein Zeichen der Solidarität mit allen Menschen, die zum Guten-berg-Gymnasium gehören, also mit den Lehrerinnen und Lehrern, mit allen Schülerinnen und Schülern, aber eben auch mit allen, die auf tragische oder auch auf glückliche Weise mit diesem Gymnasium verbunden sind. Eines, denke ich, ist durch diese Tat wohl deutlich geworden. Wenn man bei aller Trauer und bei allem Schmerz zusammensteht, dann kann man einander helfen. Diese Schule wird ein Symbol dafür sein. Man kann auch mehr: Man kann einander Trost und Hoffnung geben. An Stelle von Verzweiflung und Resignation kann auf diese Weise aus Hoffnung geborene Tatkraft entstehen.

 

Ich bin sehr froh, dass das Gebäude nicht einfach aufgegeben wurde und nun zum Beginn des neuen Schuljahres wieder Schulleben einkehrt. Und ich glaube, der Umbau des Gebäudes hat sein ehrgeiziges Ziel erreicht: Das Gutenberg-Gymnasium ist ein Ort, der das Geschehene nicht ausklammert, aber zugleich Raum für Neues lässt. Mit dem Wiedereinzug ist ein Stück Normalität in das Gutenberg-Gymnasium zurückgekehrt. Aber – das gilt es hervorzuheben, vor allen Dingen außerhalb – es bleibt ein Ort der Erinnerung und auch ein Ort des Gedenkens. Dieser Neuanfang knüpft an vieles Vertrautes an, steht aber vor allem einem gemeinsam von Schülern und Lehrern gestalteten Schulleben offen.

 

Die Schülerinnen und Schüler – auch das ist nicht üblich, aber trotzdem schön – konnten bereits bei der Planung und Umsetzung des Umbaus mitreden und Wünsche für die Gestaltung ihrer Schule äußern. Ich finde es besonders bemerkenswert, dass ein – wie er genannt wird – “Raum der Stille” eingerichtet wurde, ein Raum also, um sich zurückzuziehen und nachzudenken, sicher auch ein Raum des Gedenkens. Das ist im Übrigen eine Idee, die auf die Schülerinnen und Schüler zurückgeht. Auch das, finde ich, ist sehr schön. Die neue Aula im Zentrum der Schule ist ein Angebot an alle, miteinander zu reden oder – wie man sagt – ins Gespräch zu kommen; und auch die bauliche Öffnung der Schule zur Stadt hin soll als Einladung an alle Bürgerinnen und Bürger dieser schönen Stadt verstanden werden.

 

Ihr, liebe Schülerinnen und Schüler, habt mit euren Lehrern das neue Schulgebäude bereits vor den Sommerferien in einer so genannten Projektwoche kennen lernen können. Was Schulgemeinschaft wirklich bedeutet, musstet Ihr nicht kennen lernen, sondern das habt Ihr in den vergangenen drei Jahren sehr bewusst und sehr intensiv gelebt. Es galt, das Miteinander von Lehrern und Schülern neu zu bestimmen, natürlich das Geschehene zu verarbeiten und dabei vielleicht auch neue Wege für die Schulzukunft zu eröffnen. Dazu braucht es viel Motivation, großes Einfühlungsvermögen und großen Einsatz von Lehrerinnen und Lehrern und von der Schülerschaft.

 

Wir alle wissen, und hier ist es besonders deutlich geworden: Schule ist nicht nur ein Ort der bloßen Wissensvermittlung. In der Schule wird eben nicht nur gelernt, sondern auch gemeinsam gelebt. Schule kennt Freude, aber auch Kummer und Schmerz – übrigens genau wie das Leben außerhalb der Schule. Es ist Aufgabe der Schule, Kinder und Jugendliche auf das Leben im Beruf und als Erwachsene vorzubereiten. So viel ist gewiss. Dazu gehört übrigens auch zu lernen, wie man mit Konflikten und mit Enttäuschungen umgeht, wie man Ängste überwindet und auch, wie man Konkurrenz aushält. Dazu gehört aber auch zu lernen, wie man Freude teilt, nicht zuletzt, in dem man Hilfe gibt, wie man Selbstbewusstsein entwickelt und Freunde findet. Oftmals gehen diese Ziele im Alltag von Stundentafel, Klassenarbeiten und Schulnoten unter.

 

Wir dürfen aber auch nicht zu viel von Schule erwarten. Sie ist immer nur so stark, wie unsere Gesellschaft stark ist. Wer den Umgang mit anderen nicht in der Familie, im Freundeskreis und im Gemeinwesen erlernt und erlebt hat, wird das in der Schule allein kaum vermittelt bekommen können. Auch das müssen wir miteinander bedenken. Erziehung darf eben nicht einfach an staatliche Institutionen delegiert werden, auch nicht an die Schule, so wichtig sie in dieser Frage natürlich ist. Jeder in der Gesellschaft hat etwas darzustellen, was Vorbild für andere in unserer Gesellschaft sein könnte.

 

Die schrecklichen Ereignisse vor drei Jahren haben uns deutlich ins Gedächtnis gerufen, dass Schule niemanden zurücklassen und niemanden aufgeben darf. Jeder – das muss immer wieder deutlich werden – gehört dazu, weil eben jeder gebraucht wird. Gerade um diejenigen, die nicht mitkommen, die Gefahr laufen, abseits zu stehen, müssen wir uns besonders kümmern. Gute Bildung ist eben auch ein Fundament für Glück und Erfolg des Einzelnen und, weil das so ist, natürlich auch für den Erfolg der ganzen Gesellschaft. Jeder einzelne Schüler, jede einzelne Schülerin, muss unterstützt und gefördert werden, mit all ihren Schwächen und Stärken. Das ist immer wieder eine riesige Herausforderung für all diejenigen, die Schule sind, die Schule machen. Auch hier ist sichtbar geworden, dass die Schulen sich nicht abschotten dürfen. Jede Schule – das wird durch die Öffnung des Gebäudes deutlich – muss und soll für das Umfeld offen stehen, also auch für die Eltern da sein. Sie bekommen vielfach nicht mit, was in der Schule passiert und was dies für ihre Kinder bedeutet. Also werden noch mehr Eltern und Lehrer Partner sein müssen, damit sie miteinander das Beste für die Kinder erreichen.

 

Ich wünsche allen Schülerinnen und Schülern und allen Lehrerinnen und Lehrern des Gutenberg-Gymnasiums, dass sie das neue Schuljahr mit Freude und Zuversicht beginnen, dass sie dieses schöne, neu gestaltete Gebäude mit offenem Herzen für sich in Besitz nehmen und sie es in ihrem Schulleben mutig ausfüllen. In diesem Sinne wünsche ich allen Beteiligten alles erdenklich Gute.“

Quelle: Auszug aus der Rede von Bundeskanzler Gerhard Schröder zur Wiedereröffnung des Gutenberg-Gymnasiums am 29. August 2005 in Erfurt; Bulletin 68-1 vom 29. August 2005; Herausgeber: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung.

 

Hinweis: Durch die Digitalisierung des Textes kann es zu Fehlern kommen. Der gesamte Redetext kann beim Presse- und Informationsamt der Bundesregierung angefordert werden.