»Er war ein gesellschaftskritischer Künstler, ein politischer Kopf und ein unbequemer Zeitgenosse, der die Bruchstellen der deutschen Geschichte immer wieder offen gelegt hat.« Rede von Gerhard Schröder anlässlich der Trauerfeier für Jörg Immendorff in der Alten Nationalgalerie Berlin.

 

Auszüge aus der Rede:

 

„Der Tod unseres Freundes Jörg Immendorff hat mich tief erschüttert. Im März haben wir uns zuletzt gesehen, in seinem Atelier in Düsseldorf. Wir waren zusammengekommen, um das Portrait vorzustellen, das er für die Kanzlergalerie gemalt hatte. Mir schien damals, dass ihm dieses kleine Fest gut getan hat. Gelähmt von einer tödlichen Krankheit entging seinem messerscharfen Verstand nichts. Und dennoch: Seine Worte, seine Gesten, sie ließen mich bereits damals dunkel ahnen, dass die Kräfte ihn nicht mehr lange tragen würden. Wir waren beide an diesem Tag glücklich und zufrieden über den gelungenen Abschluss unseres gemeinsamen Projekts. Jörg war froh, ein langjähriges Versprechen eingelöst zu haben. Und ich war und bin glücklich, dass ich ihm, dem Malerfreund, wie er sich mir gegenüber nannte, noch einmal ganz persönlich dafür danken konnte.

 

Mit Jörg Immendorff hat unser Land einen der ganz großen deutschen Maler der Nachkriegszeit verloren. Er war ein gesellschaftskritischer Künstler, ein politischer Kopf und ein unbequemer Zeitgenosse, der die Bruchstellen der deutschen Geschichte immer wieder offen gelegt hat. Ein tiefes Gerechtigkeitsempfinden ließ ihn gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt aufbegehren. Er nahm seine Umwelt – sein Vaterland, dessen Geschichte, seine Gesellschaft – ins Visier. Hart, kompromisslos und mit jener Unerbittlichkeit, die aus Malerei eben große Kunst werden lässt. Die Bilder und Skulpturen von Jörg Immendorff sind so zu Diagnosen unserer Zeit geworden. Sie verlieren durch den historischen Wandel nichts von ihrer Gültigkeit. Und sie sind von bleibendem Wert.

 

Als Bundeskanzler habe ich Jörg Immendorff mehrfach eingeladen, mich auf offiziellen Auslandsreisen zu begleiten, weil ich glaube, dass Künstler zu den besten Botschaftern unseres Landes gehören. Die Wahrnehmung unseres Landes wird eben nicht nur durch Politik und Wirtschaft, sondern auch durch seine hervorragenden Künstler bestimmt. Auf einer dieser Reisen nach Asien bildete Immendorff zusammen mit seinem treuen Freund, dem Schriftsteller Tilman Spengler, die kleine, aber hochkarätige Kulturdelegation.

 

Damals ist ein kleines, wunderbares Büchlein entstanden mit dem Titel „Mutmaßungen über eine Reise in den Osten“. Tilman Spengler hat ein literarisches Reisetagebuch geschrieben und Jörg Immendorff hat es mit seinen Zeichnungen illustriert. Die schönste Episode aus diesem Buch für mich bleibt, dass auf dieser Reise der indische Ministerpräsident bei einem Empfang Jörg Immendorff und Tilman Spengler mit dem Bundeskanzler und dem Bundesinnenminister verwechselte. Dass sie die ersten aus unserer großen Reisegesellschaft waren, denen die Ehrerbietung des Gastgebers galt, fand ich von der Reihenfolge her durchaus angemessen. In dieser kleinen Begebenheit, die auf einer unerklärlichen Verwechslung beruhte, könnte ein tieferer Sinn oder zumindest eine Mahnung liegen. Nämlich immer wieder zu überprüfen, ob wir der Kultur auch wirklich den Platz und die Wertschätzung einräumen, die ihr gebührt. Mir war diese Frage immer wichtig, auch wenn das, was ich in der Praxis dafür tun konnte, nur ein Anfang sein konnte.

 

Auf diesen Reisen haben wir viel übereinander und über die Arbeit des jeweils anderen lernen können – Jörg über Politik und ich über die Kunst. Er war mir ein sehr angenehmer, Gesprächspartner, ein hoch intelligenter und zugleich so lebensfroher Zeitgenosse. Jörg Immendorff hat einen langen, zähen Kampf gegen seine Krankheit geführt. Er hat diesen Kampf auch für Tausende ALS-Erkrankte geführt, denen er mit seiner Stiftung und der Therapieforschung an der Charité Hoffnung gegeben hat ‑ und gibt. Wer ihm in seinen letzten Wochen begegnete, war beeindruckt von seinem unbeugsamen Willen und seiner Energie, mit der er Kunst schuf, dem Tod zuvorzukommen. Diesen Kampf hat er nun verloren.

 

Bei Hiob heisst es: „Ein Baum hat Hoffnung, auch wenn er abgehauen ist; er kann wieder ausschlagen… Stirbt aber ein Mann, so ist er dahin; kommt ein Mensch um – wo ist er?“

 

Die Antwort bei Jörg Immendorff ist eindeutig: Er hat uns so unendlich viel von sich hinterlassen, in dem er weiterleben wird: In der tröstlichen Schönheit seiner Kunst, für die wir ihm immer dankbar sein werden. Ich werde meinen Malerfreund Jörg nie vergessen.“

 

Quelle: Auszug aus dem Manuskript der Rede von Bundeskanzler a. D. Gerhard Schröder anlässlich der Trauerfeier für Jörg Immendorff am Donnerstag, 14. Juni 2007, Alte Nationalgalerie, Berlin