»Eine Fußball-Weltmeisterschaft ist nicht nur ein sportliches Ereignis. Sie ist mehr als ein vier Wochen dauerndes Turnier. Sie schafft die unglaubliche Möglichkeit, dass sich Menschen aus Deutschland und aus aller Welt begegnen, sich Kulturen treffen und austauschen können.« Bundeskanzler Gerhard Schröder eröffnet die Ausstellung “Rundlederwelten” zur Fußball-WM 2006 in Berlin.

 

Auszüge aus der Rede:

 

„ … Wir machen das also miteinander, nicht zuletzt, weil die Welt bei uns zu Gast ist, und noch mehr, weil sie vier Wochen lang auf Deutschland schauen wird. Was wir alle miteinander wollen – ich glaube: alle, die hier sind -, ist, dass die Fußball-Weltmeisterschaft ein Deutschlandbild vermittelt, das durch Toleranz, Offenheit, ohne jeden Zweifel auch durch den Glauben an die eigene Kraft, aber vor allen Dingen durch eine selbstbewusste Bescheidenheit gekennzeichnet wird. Ich bin ganz sicher, dass uns das gelingen wird.

Dass die Kunst ein wesentlicher Bestandteil dieses Fußballfestes geworden ist und werden wird, tut Deutschland gut; denn nur mit den Begriffen “ökonomische Effizienz”, “politische Zurückhaltung”, aber auch “politisches Engagement” ist Deutschland ja nicht definiert, sondern es ist immer auch dadurch definiert worden – in der Vergangenheit, aber auch in der Gegenwart und erst recht in der Zukunft -, was Künstler aus Deutschland und für Deutschland an Beitrag leisten können.

André Heller hat gesagt, dass wir vereinbart haben: “Wir machen das”, und das eingehalten worden ist. Man muss hinzufügen: Die Vorbereitungen für dieses Fußballfest, wie es zu Recht genannt wird, laufen wirklich optimal. Auch das, was André Heller über die Kunst gesagt hat, ist ja toll, wenn man beobachtet, wie Menschen, die zu Hause oder in ihrer Arbeit nicht gelernt haben oder vielleicht nicht haben lernen können, Kunst als eine der ganz großen Herausforderungen des Lebens zu begreifen, auf einmal entdecken, welchen Wert die Kunst für sie hat und dass sie im wahrsten Sinne des Wortes zur Entfaltung der Persönlichkeit und zum Kennenlernen von anderen Dimensionen über das hinaus, was man an täglichem Ärger hat, beiträgt.

Ich bin sicher, wenn mir diese Bemerkung erlaubt ist, dass Jürgen Klinsmann bis zum Eröffnungsspiel auch ein tolles Team geformt haben wird. Das ist auch ein bisschen typisch deutsch: “Hosianna”, wenn es gut läuft – im Federation Cup ist es gut gelaufen; das kann man nicht ernsthaft bestreiten -, und ganz schnell “Kreuzigt ihn!”, wenn einmal etwas nicht so gut läuft. Ich finde, er und diejenigen um ihn herum – Herr Bierhoff und Herr Löw ebenso -, haben das nicht verdient. Sie haben es verdient, dass man ein Stück mehr Vertrauen in sie investiert; denn ohne das kann man eine solche Arbeit nicht machen. Deswegen rate ich all denen, die bereits jetzt schon wieder “Kreuzigt sie!” schreiben, zur Zurückhaltung. Ihr seid allemal nicht besser als die!

Ich glaube, sie werden das schaffen. Sie werden eine tolle Mannschaft hinbekommen, die begeisterungsfähig ist und von der sich Menschen begeistern lassen. Ich wünsche mir das jedenfalls, und wir sollten alle daran Interesse haben, dass das so kommt. Sie brauchen Geduld, sie brauchen Verständnis und sie brauchen vor allen Dingen Unterstützung von denen, für die Fußball eine der schönsten Nebensachen der Welt ist; ich sage ausdrücklich “eine der schönsten”, denn es gibt ja auch andere. Die augenblickliche Diskussion schadet also mehr, als dass sie nutzt, und sie sollte schnell beendet werden. Dies war jetzt einer der berühmten “Basta”-Aussprüche. Ich bin ganz sicher, die wenigsten werden sich daran halten, aber das kenne ich schon.

 

Sport, Politik und Wirtschaft arbeiten, das muss man sagen, bei der Vorbereitung der Fußball-Weltmeisterschaft wirklich Hand in Hand. Alles wird rechtzeitig fertig sein; so sind wir nun einmal. Wir werden die Welt dann hier in Deutschland willkommen heißen. Ich will ohne Umschweife und ohne falsche Lobhudelei sagen: Lieber Franz Beckenbauer, das haben wir Ihnen zu verdanken, denn Sie sind in dem Amt als Präsident des Organisationskomitees wirklich erfolgreich. Ich glaube, wenn wir nicht Weltmeister werden sollten: An Ihnen läge es jedenfalls nicht! Ich habe verfolgen können – wie der Innenminister und wie übrigens auch André Heller, der damals ein sehr schönes Beiprogramm aus dem Hintergrund geliefert hat -, wie die Weltmeisterschaft nach Deutschland vergeben worden ist. Seit diesem Tag wird da wirklich gearbeitet, und zwar in guter Weise. Anfang des Monats ist Franz Beckenbauer zu einer “Welcome Tour” aufgebrochen. In mehreren Etappen wird er die WM Teilnehmer, die sich für 2006 qualifiziert haben, in ihren Ländern besuchen und sie persönlich zur Fußball-WM in Deutschland einladen. Ich finde, auch das ist eine Geste, die Respekt und ein herzliches Dankeschön verdient!

Diese größte internationale Veranstaltung, die je in Deutschland stattgefunden haben wird, ist der Bundesregierung immer Verpflichtung gewesen, und das gilt übrigens unabhängig von der Vorliebe für den einen oder anderen Verein in der 1. Bundesliga. Wir werden alles dafür tun, dass sich unser Land nicht allein während des Turniers, sondern auch im Vorfeld von seiner wirklich besten Seite zeigt: fußballbegeistert, ohne Zweifel, aber eben gastfreundlich, weltoffen, tolerant, auch modern und innovativ, aber eben auch kulturell interessiert. Diese Ausstellung zeigt das auf sehr, sehr schöne Weise, finde ich.

 

Vor diesem Hintergrund ist eines klar: Eine Fußball-Weltmeisterschaft ist nicht nur ein sportliches Ereignis. Sie ist mehr als ein vier Wochen dauerndes Turnier. Sie schafft die unglaubliche Möglichkeit, dass sich Menschen aus Deutschland und aus aller Welt – aber auch die, die zu uns kommen, untereinander – begegnen, sich Kulturen treffen und austauschen können. Das ist ja etwas in einer Welt, von der manche glauben – ich glaube es nicht -, dass es um Kämpfe zwischen Kulturen geht. Für mich geht es um den Kampf für Kultur und nicht um Kämpfe zwischen Kulturen.

Ich finde, dass die Initiative, die Fußball-WM mit einem Kunst- und Kulturprogramm zu begleiten, eine großartige Idee ist, um so die Vorfreude der Menschen auf dieses Sportereignis im nächsten Jahr wirklich größer werden zu lassen. André Heller, das ist ihm zu danken, hat diese Idee aufgenommen und zu etwas, das es so noch nicht gegeben hat, in der Praxis verwirklicht. …“

Quelle: Auszug aus der Rede von Bundeskanzler Gerhard Schröder zur Eröffnung der Ausstellung “Rundlederwelten” am 19. Oktober 2005 in Berlin; Bulletin Nr. 85-1 vom 19. Oktober 2005; Herausgeber: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung.

 Hinweis: Durch die Digitalisierung des Textes kann es zu Fehlern kommen. Der gesamte Redetext kann beim Presse- und Informationsamt der Bundesregierung angefordert werden.