»Diese Auseinandersetzung betrifft uns alle, fordert den Staat und die ganze Gesellschaft. Nichts anderes habe ich mit dem Begriff vom Aufstand der Anständigen gemeint.« Rede von Gerhard Schröder anlässlich der der Übernahme der Schirmherrschaft für den Verein „Gesicht Zeigen! Aktion weltoffenes Deutschland e.V.“ in Berlin.

 

Auszüge aus der Rede:

 

„Es ist für mich eine Ehre, Schirmherr der Aktion „Gesicht Zeigen!“ zu werden. Zum einen, weil ich die Ziele der Aktion, den Kampf gegen rechte Gewalt und das Eintreten für ein weltoffenes Deutschland, für ungemein wichtig halte. Außerdem haben mich die Arbeit der Stiftung, das Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Vielfalt und Originalität ihrer Projekte überzeugt. Zum anderen ist es für mich sehr bewegend, diese Schirmherrschaft in Nachfolge von Bundespräsident Rau übernehmen zu dürfen.Wie kaum ein anderer hatte sich Johannes Rau in fast fünf Jahrzehnten gegen Rassismus und Antisemitismus eingesetzt. Nach innen mit seinen inständigen Appellen an Toleranz und Verständigung, mit denen er wichtige Diskussionen angestoßen hat. Nach außen durch kluge Worte und klare Haltungen, etwa mit seiner historischen Rede vor der Knesset. Dieses große Engagement von Johannes Rau verdient unbedingt, fortgesetzt zu werden. Und dazu möchte ich gerne einen Beitrag leisten.

 

Im Sinne von Johannes Rau müssen wir jeder Form von Ausländerfeindlichkeit, Rechtsextremismus und Antisemitismus mit aller Entschiedenheit entgegentreten. Mit harter Hand des Staates der Gewalt­tätigkeit der Rechten, der viele Menschen seit 1990 in unserem Land zum Opfer gefallen sind. Aber wir müssen auch die dahinter stehenden Einstellungen und Haltungen in unserer Gesellschaft bekämpfen, weil sie die fundamentalen Grundlagen unseres Zusammenlebens in Frage stellen. Diese Auseinandersetzung betrifft uns alle, fordert den Staat und die ganze Gesellschaft. Nichts anderes habe ich mit dem Begriff vom „Aufstand der Anständigen“ gemeint. Anstand als eine Kategorie politischer Moral, begriffen als Achtung vor uns selbst, vor unserer Geschichte und vor allem als Achtung vor anderen.

 

In den vergangenen Jahren haben wir von Seiten der Regierung einiges erreichen können. Zum Beispiel mit der Änderung des Versammlungsrechtes, um Gedenk­stätten für die Opfer des National­sozialismus zu schützen vor widerlicher und entwürdigender Verunglimpfung durch Rechtsextreme. Zum Beispiel mit den im Jahr 2001 von der Bundesregierung initiierten Aktions­programmen gegen Rechtsextremismus und für die Stärkung von Zivil­gesellschaft und Demokratie. Ich bin froh, dass die neue Bundesregierung die Mittel für solche Programme nicht kürzen wird. Und ich hoffe, dass Länder und Kommunen noch stärker als bisher sich auch finanziell an solchen Maßnahmen beteiligen.

 

Initiativen wie „Gesicht Zeigen!“ stärken die Zivilgesellschaft im Kampf gegen Intoleranz und müssen weiter gefördert werden. Denn die eigentlich selbstverständlichen Menschen- und Minderheitenrechte, die Meinungs-, Glaubens- und Religions­freiheit müssen – leider immer noch –aufs neue verteidigt werden. Durch Bürger, die nicht wegschauen, wenn Unrecht geschieht, die Zivilcourage im Alltag beweisen. Bürger, die ihre Stimme erheben, wenn Geschichte umgedeutet wird. Bürger, die nicht akzeptieren, dass es so genannte „No Go Areas“ in unserem Land gibt. Und deshalb werde ich mit aller Kraft diese zivilgesellschaftlichen Initiativen weiter unterstützen.

 

In den vergangenen Wochen hat sich Deutschland während der Fußball-WM als ein weltoffenes und gastfreundliches Land präsentiert. Menschen verschiedener Herkunft und Sprachen, verschiedener Religionen und Hautfarben feierten gemeinsam dieses wunderbare Fußballfest. Und eigentlich ist es genau das, was wir uns für unsere Gesellschaft wünschen: Wir wollen alle friedlich, respektvoll und menschlich zusammenleben können. Johannes Rau hat es auf einer Kundgebung am 9. November 2000 vor dem Brandenburger Tor so umschrieben: “Wir arbeiten für ein Deutschland, in dem niemand Angst haben muss, ganz gleich, wie er aussieht, ganz gleich, wo er herkommt, ganz gleich, was er glaubt, ganz gleich, wie stark oder wie schwach er ist.” In diesem Sinne möchte ich als Schirmherr der Aktion „Gesicht Zeigen!“ wirken.“

 

Quelle: Auszug aus dem Manuskript der Rede von Bundeskanzler a.D. Gerhard Schröder anlässlich der Übernahme der Schirmherrschaft für den Verein „Gesicht Zeigen! Aktion weltoffenes Deutschland e.V.“ am Mittwoch, 12. Juli 2006, in Berlin