Günter Grass im Gespräch mit Gerhard Schröder (Foto: Dominik Butzmann)
Günter Grass im Gespräch mit Gerhard Schröder (Foto: Dominik Butzmann)

»Günter Grass war ein sehr politischer Kopf, ein gesellschaftskritischer Künstler, ein unbequemer Zeitgenosse, der die Bruchstellen der deutschen Geschichte immer wieder offenlegte.« Gerhard Schröder würdigt in einem Nachruf in der BILD-Zeitung den verstorbenen Schriftsteller und Nobelpreisträger Günter Grass.

 

»Mit Günter Grass verliert Deutschland den größten deutschen Schriftsteller unserer Zeit. Und ich verliere einen väterlichen Freund, der mir mehr als drei Jahrzehnte lang ein kluger Gesprächspartner, aber vor allem ein kritischer Ratgeber war. Seine Unbeugsamkeit, sein Mut, sein Sinn für Gerechtigkeit und seine Klugheit haben mich von Anfang an beeindruckt.

Erstmals bin ich Günter Grass Anfang der achtziger Jahre begegnet. Zusammen mit Willy Brandt sowie vielen anderen Künstlern war er 1985  ins niedersächsische Wendland gekommen, um mich in meinem ersten Wahlkampf zu unterstützen. Seine Worte von  damals habe ich nie vergessen: Der Kandidat – also ich – habe noch viel zu lernen. Womit er nicht Unrecht hatte.

Später als Bundeskanzler lag mir sehr an seiner Einschätzung und seinem Rat, auch an seiner Kritik. Und so besuchte ich ihn in seinem Haus in Schleswig-Holstein und lud ihn oft zu Gesprächen ins Kanzleramt ein. Günter Grass war ein kluger Beobachter und konnte messerscharf analysieren. Wir waren nicht immer einer Meinung, aber die Auseinandersetzungen mit ihm waren ein intellektuelles Vergnügen. Auf die Weise hat er mich herausgefordert, meine Argumente zu schärfen.

Einmal jedoch waren wir uns von Beginn an einig, und zwar in den Jahren 2002 und 2003 in der Bewertung des damals drohenden Irak-Krieges. Die von mir geführte Bundesregierung lehnte eine militärische Intervention im Irak ab. Und wir hatten zahlreiche plausible Gründe dafür. Mir wurde aber vorgeworfen, mit meinem Nein zum Irak-Krieg die Freundschaft mit den USA und das westliche Bündnis aufs Spiel zu setzen.

In dieser schwierigen Zeit stärkten mir viele Kulturschaffende den Rücken. Ich erinnere mich noch gut an die Gespräche im Kanzleramt, bei denen Günter Grass immer dabei war. Einmal eröffnete er unsere Diskussion mit einem Zitat aus einem Gedicht von Matthias Claudius:

„‘s ist Krieg! ‚s ist Krieg! O Gottes Engel wehre,

Und rede du darein!

‚s ist leider Krieg – und ich begehre

Nicht schuld daran zu sein!“

Ich habe diese Zeilen, die Grass eindringlich vortrug, seitdem nie vergessen.

Günter Grass war ein sehr politischer Kopf, ein gesellschaftskritischer Künstler, ein unbequemer Zeitgenosse, der die Bruchstellen der deutschen Geschichte immer wieder offenlegte. So lassen sich seine gesellschaftskritischen Romane und Erzählungen auch als Diagnosen seiner und unserer Zeit begreifen. Mit ihnen kämpfte er gegen das weit verbreitete Verdrängen in der Nachkriegsgesellschaft. So hat er mit seinem Roman „Die Blechtrommel“ dem Land den Spiegel vorgehalten.

Günter Grass hat mit seinem Werk wichtige Debatten in Deutschland angestoßen. Dabei hat er heftige Kritik ertragen müssen, die er als sehr verletzend empfand. Und oft war diese Kritik auch ungerechtfertigt. Manch Urteil der Medien, die voreilig über ihn den Stab brachen, hat ihn zutiefst enttäuscht.

Dabei hat Grass sich selbst nicht geschont. Er hat sich nicht gescheut, sein eigenes Handeln im nationalsozialistischen Deutschland herauszustellen. Es ging ihm um ein Schuldeingeständnis für viele Versäumnisse, aber auch um die Übernahme von Verantwortung. Das eigene Versagen sollte nicht vergessen werden, sondern als mahnendes Beispiel dienen.

Insgesamt hat kein anderes Lebenswerk der deutschen Nachkriegsliteratur in gleichem Maße weltweite Anerkennung gefunden. Die Verleihung des Literatur-Nobelpreises 1999 ist dafür der herausragende Beleg.

Günter Grass hat uns ein großartiges literarisches Werk hinterlassen. Und er hat einen wichtigen gesellschaftspolitischen Beitrag zur Selbstvergewisserung einer Nation und zum Umgang mit unserer Geschichte geleistet. Dafür sind wir ihm zutiefst dankbar.«

 

Quelle: BILD-Zeitung, 14. April 2015