»Die Narben des Krieges haben uns allen eine Verpflichtung auferlegt: Die Verpflichtung zum „Nie wieder Krieg“«. Gerhard Schröder würdigt anlässlich der Gedenkveranstaltung zum 10. Jahrestag der Einweihung der Deutschen Kriegsgräberstätte in Sologubowka die Versöhnung und Verständigung zwischen Russland und Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg .

 

Auszüge aus der Rede:

 

»Als der Präsident des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge, Herr Führer, mich gebeten hat, bei dieser Gedenkveranstaltung zu sprechen, habe ich spontan zugesagt. Zum einen, weil ich in der Schuld des Volksbundes stehe. Meine Familie verdankt ihm die Information, wo mein Vater, den ich nie habe kennenlernen dürfen, im Jahr 1944 gefallen ist und wo er begraben ist, nämlich in Rumänien. Die Aufklärung seines Schicksals, mehr als 50 Jahre nach seinem Tod, war für meine ganze Familie eine große Erleichterung.

Zum anderen möchte ich auch dem Volksbund für seine Arbeit meinen großen Respekt ausdrücken. Wenn heute junge Deutsche und junge Russen die Kriegsgräber pflegen, wenn russische und deutsche Soldaten gemeinsam die Überreste von Gefallenen um­betten, dann ist das nicht nur eine großartige Arbeit, sondern auch ein Beitrag zur Verständigung unserer beiden Völker.

Wir gedenken heute der Gefallenen auf beiden Seiten des Krieges. Hitler‑Deutschland hatte einen mörderischen Krieg verbrochen. Alleine in der ehemaligen Sowjetunion sind 27 Millionen Menschen diesem Krieg zum Opfer gefallen. Millionen sowjetischer Soldaten starben. Sie zahlten damit den höchsten Preis für die Befreiung Europas vom Faschismus. Deutsche Soldaten, meist junge Männer, gaben sinnlos ihr Leben in einem mörderischen Feldzug, der nur ein Ziel hatte: die Unterdrückung der Völker Europas. Unsere Erinnerung an die Toten kann nicht dieselbe sein, weil wir Täter und Opfer nicht gleichsetzen. Und doch sind die gefallenen Soldaten, Deutsche wie Russen, in ihrem Tod verbunden. Sie sind in der Trauer und dem Schmerz ihrer Eltern und Frauen, ihrer Schwestern und ihrer Brüder, ihrer Kinder und Enkel miteinander verbunden. Und deshalb erinnern wir uns heute gemeinsam, Russen und Deutsche.

Wir gedenken heute auch der Zivilisten, die bei der Belagerung des damaligen Leningrads ums Leben gekommen sind. Die Belagerung der Stadt durch deutsche Truppen war keine militärische Leistung, sondern ein Todesurteil. Sie hatte nur ein Ziel: Die Vernichtung der Stadt und ihrer Menschen durch systematisches Aushungern und Abschneiden von jeglicher Versorgung. In den 871 Tagen der Belagerung starben mehr als eine Million Zivilisten und fast genauso viele russische Soldaten. Das Leid war unermesslich. Aber der Mut und der Überlebenswille der Menschen waren ebenso groß. In mitten des allgemeinen Sterbens wurde das kulturelle Leben aufrechterhalten. Die Theater wurden bespielt, die Museen waren geöffnet. Die Künstler riefen zum Durchhalten auf. Die Leningrader Sinfonie, von Schostakowitsch, die er in der belagerten Stadt komponierte und die dort im Juli 1942 uraufgeführt wurde, ist ein eindrucksvolles Beispiel für die übermenschliche Leistung der Bevölkerung.

Ich möchte heute auch an die erinnern, die ihren Tod nicht auf dem Schlachtfeld fanden, sondern in den Gefangenenlagern. Das betraf deutsche und russische Kriegsgefangene. Aber gerade der Umgang mit den fast 6 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen zeigt die Menschen­verachtung des nationalsozialistischen Deutschlands. Nahezu die Hälfte der sowjetischen Kriegsgefangenen kam ums Leben – sie verhungerten, erfroren, wurden tot geschlagen, erschossen, ja auch vergast. Heute verneigen wir uns vor ihrem Leid.

Die Narben des Krieges – gerade in Gestalt der Soldatenfriedhöfe – haben uns allen eine Verpflichtung auferlegt: Die Verpflichtung zum „Nie wieder Krieg“. Wo immer wir können, müssen wir Rassismus, Antisemitismus und totalitären Ideologien widerstehen. Wir wollen für alle Menschen ein Leben in Würde, in Freiheit und in Frieden. Und das macht auch die Bedeutung der Aussöhnung zwischen unseren beiden Völkern aus. Diese Aussöhnung erscheint mir nach dem Leid des Zweiten Welt­krieges fast wie ein Wunder. Aus erbitterten Feinden sind Freunde und Partner geworden. Das ist ein hohes Gut, das wir wahren und pflegen müssen.

Auf die heutige Zeit übertragen bedeutet das für mich: Wir müssen zwischen Russland und der Europäischen Union zu einer neuen Qualität der Zusammen­arbeit kommen, die auf Kooperation und Dialog setzt. Denn daran mangelt es. Russland ist für mich ein europäisches Land, und wer heute durch das wieder aufgebaute, wundervolle Sankt Petersburg geht, dem wird das vor Augen geführt. Und als europäisches Land sollte Russland noch enger an die Strukturen Europas herangeführt werden, am besten durch einen Assoziierungsvertrag, der Politik, Kultur, Wirtschaft und unsere Zivilgesellschaften zusammenführt.

So verstanden, ist das heutige Gedenken an die Toten des Zweiten Weltkrieges nicht rückwärtsgewandt. Im Gegenteil: Im Bewusstsein der Vergangenheit, die uns Verantwortung aufer­legt, blicken wir nach vorne, in eine bessere Zukunft. Für mich ist die Kriegs­gräberstätte Sologubowka ein Ort der Hoffnung auf Verständigung und Versöhnung, auf Menschlichkeit und Frieden. Junge Menschen und Soldaten aus unseren beiden Ländern bringen das Tag für Tag in ihrer Arbeit zum Ausdruck. Wir danken ihnen dafür.«

 

Quelle: Auszüge aus dem Manuskript der Rede von Bundeskanzler a.D. Gerhard Schröder anlässlich der Gedenkveranstaltung zum 10. Jahrestag der Einweihung der Deutschen Kriegsgräberstätte am Sonntag, 1. August 2010, in Sologubowka (Russische Föderation)