»Wer, wenn nicht Frankreich und Deutschland gemeinsam, kann und soll eine Führungsrolle in Europa übernehmen? Und zwar eine Führung, die unseren Kontinent nicht spaltet.« Gerhard Schröder äußert sich in einer Rede beim Verband „Le Mouvement des entreprises de France“ in Paris über die deutsch-französischen Beziehungen und die Reformpolitik in beiden Ländern.

 

Auszüge aus der Rede:

 

„In der aktuellen schwierigen Lage, in der Europa sich befindet, ist es mir ein Anliegen, bei Ihnen für die deutsch-französische Zusammenarbeit zu werben. Ich bin überzeugt, dass wir die europäische Krise nur lösen können, wenn unsere beiden Länder und ihre Repräsentanten eng und vertrauensvoll zusammenarbeiten. Das war in der Vergangenheit so, erinnert sei etwa an Valéry Giscard d’Estaing und Helmut Schmidt, an François Mitterrand und Helmut Kohl, an Jaques Chirac und mich. Und ich bin zuversichtlich: es wird auch für François Hollande und Angela Merkel gelten.

Die deutsch-französische Freundschaft ist kein Selbstzweck. Sie muss sich ständig neu beweisen. Dies um so mehr, als wir vor neuen Herausforderungen stehen, die nur bewältigt werden können, wenn unsere beiden Länder eng kooperieren. Die europäische Gemeinschaftswährung zu retten, die Integration der Europäischen Union voranzutreiben, die Globalisierung politisch zu gestalten, ihre Potentiale zu nutzen und zugleich ihre Nachteile abzumildern – das ist die zentrale Aufgabe Europas in diesem Jahrzehnt. Wer, wenn nicht Frankreich und Deutschland gemeinsam, kann und soll dabei eine Führungsrolle in Europa übernehmen? Und zwar eine Führung, die unseren Kontinent nicht spaltet: in Nord und Süd, arm und reich, Geber und Nehmer. Sondern eine Führung, die Europa zusammenhält und weiterentwickelt.

Denn in Spaltung und Rivalität, in Neid und Hass liegen die größten Gefahren für Europa. Ein Blick zurück in die Geschichte, gerade die deutsch-französische, zeigt uns, welche fatalen Folgen solche Entwicklungen haben können. Wir haben in Europa keine Währungskrise, sondern eine politische Krise. Eine solche Krise muss überwunden werden. Und sie kann auch überwunden werden. Das ist die Verantwortung der heute politisch Handelnden in unseren beiden Ländern. Die Geschichte der europäischen Einigung zeigt: Alle großen europäischen Aufgaben konnten vor allem dann gelöst werden, wenn Deutschland und Frankreich sich einig sind.

In Europa und darüber hinaus blickt man auf Deutschland. Die wirtschaftliche Stärke unseres Landes gibt uns eine besondere Verantwortung auf. Ich weiß wohl, dass das sogenannte „Deutsche Modell“ in der französischen Debatte, auch im Präsidentschafts-Wahlkampf, eine Rolle gespielt hat. Gerade auch die Frage, welche Elemente der deutschen Wirtschafts- und Sozialpolitik auch für Frankreich hilfreich sein könnten. Meine Position ist: Jede Nation muss für sich selbst entscheiden, welchen Weg sie gehen will. Ich glaube nicht, dass das „Deutsche Modell“, das ohne Zweifel erfolgreich ist,  so einfach auf andere europäische Staaten zu übertragen ist. Weil es eben Unterschiede gibt – sowohl was die Strukturen der Volkswirtschaften, die demographischen Parameter und auch die politische Willensbildung betrifft. Gleichwohl können wir es uns in Europa nicht leisten, dass die Divergenzen noch größer werden. Alle europäischen Volkswirtschaften müssen wettbewerbsfähiger werden.“

 

Quelle: Auszüge aus dem Manuskript der Rede von Bundeskanzler a.D. Gerhard Schröder bei einer Veranstaltung des Verbandes „Le Mouvement des entreprises de France“ in Paris am Freitag, 31. August 2012 in Paris