»Manche mögen verunsichert sein oder sich provoziert fühlen. Andere werden sich einfach nur über die Schönheit des Kunstwerks freuen. Wenn Kunst diese Emotionen hervorrufen kann, wenn sie einen solchen geistigen Impuls auslöst, ist sie gut und hat ihr wichtigstes Ziel erreicht, nämlich Geist und Sinne herauszufordern.« Gerhard Schröder bei der Enthüllung der fast sechs Meter hohen Bronzeskulptur “Mean Average” des englischen Bildhauers Anthony Cragg, die auf dem Remigiusplatz in der Bonner Altstadt aufgestellt wurde.

 

Auszüge aus der Rede:

 

»Eine der führenden Bonner Heimatzeitungen hat vor einigen Wochen geschrieben, dass die Skulptur, die heute ihrer Bestimmung übergeben wird, Zitat: „ein eher Schröder-untypisches Werk ist“. Zitat Ende.  Seltsam, in welche Schubladen man so verpackt wird: Was mag denn wohl ein Schröder-typisches Kunstwerk sein? Ich weiß es nicht.  Nur soviel: Mir ist es ein ganz besonderes Vergnügen, an der feierlichen Enthüllung der Skulptur von Tony Cragg heute teilnehmen zu dürfen. Erstens bin ich gerne einmal wieder in Bonn. Denn hier begann vor 34 Jahren meine politische Karrierre. Insofern habe ich an diesen Ort viele, meist gute Erinnerungen.  Zuletzt natürlich an das Bundeskanzleramt und vor allem an die kräftige Form, die beim Eintritt und Verlassen des Gebäudes grüßte und heute immer noch grüßt: Henry Moore’s Two Large Forms.  Ich hätte es im Jahr 1999 gerne gesehen, wenn beim Umzug der Bundesregierung diese imposante Skulptur einen neuen Platz in Berlin gefunden hätte.  Denn sie war – vermittelt durch das Fernsehen – für die Deutschen zu einem Symbol für das Zentrum der politischen Macht geworden, wenn man das Bundeskanzleramt als solches bezeichnen will.  Aber der Plan scheiterte an der Realisierbarkeit.  Für das neue Kanzleramt fand sich dann der bekannte Münchner Mäzen Rolf Becker, der uns die Großform Berlin des spanischen Künstlers Edoardo Chillida schenkte.  Sie gehört mittlerweile zu den meist fotografierten Objekten in Berlin und ist aus der Stadt nicht mehr wegzudenken.  Dieses, meine Damen und Herren, wünscht man jedem Künstler, der den öffentlichen Raum mit seiner Arbeit gestaltet.  Und das, lieber Tony Cragg, wünschen wir heute Ihnen.

Damit es gelingt, sind wir heute zusammengekommen, um Ihrer Skulptur zu einer freundlichen Aufnahme zu verhelfen.  Und um den Menschen einen wohlwollenden und inspirierenden Umgang mit dem Kunstwerk zu empfehlen.  Aber bevor es soweit ist, muss denjenigen gedankt werden, die das heute hier möglich gemacht haben:  Allen voran der rührigen Stiftung für Kunst und Kultur mit ihrem Vorsitzenden Walter Smerling an der Spitze.  Diese Anstifter für mehr bürgerschaftliches Engagement in der Kunst haben in den fast 30 Jahren ihres Bestehens eine Menge auf die Beine gestellt.  Über 200 Projekte sind bis heute realisiert worden. Das neueste Vorhaben findet in Bonn, der Heimatstadt der Stiftung statt.  Ein ehrgeiziges Vorhaben: Mit diesem neuen Projekt Kunst im öffentlichen Raum sollen die Menschen zu einer unmittelbaren Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst angeregt werden.  Und dazu müssen sie, die Bürger und Besucher dieser Stadt, keine Hemmschwelle eines Museums überschreiten.  Sie müssen beim Spaziergang durch die Stadt lediglich die Augen offen halten, die Wirkung von Kunst zulassen und sich damit auseinandersetzen.  Manche mögen verunsichert sein oder sich provoziert fühlen. Andere werden sich einfach nur über die Schönheit des Kunstwerks freuen.Wenn Kunst diese Emotionen hervorrufen kann, wenn sie einen solchen geistigen Impuls auslöst, ist sie gut und hat ihr wichtigstes Ziel erreicht, nämlich Geist und Sinne herauszufordern.

Meine Damen und Herren,  auf die Skulptur von Tony Cragg freue ich mich heute ganz besonders. Denn ich vermute, sie übersteigt in ihrer Dimension die Werke, die ich bisher von Cragg gesehen habe, um ein Vielfaches.   Einigen bin ich begegnet:  Zum Beispiel steht eine wunderschöne, drei Meter hohe weiße Holz-Arbeit von Cragg im Sprengel Museum in meiner Heimatstadt Hannover. Sie macht ihrem Namen Lost in Thought alle Ehre.  Ein weiteres Werk ist Teil der Kunst-Landschaft Art in Nature, den der Kunstverein Springhornhof im nördlichen Niedersachsen ins Leben gerufen hat.  Ich bin dort mehrfach gewesen. Eine der zahlreichen Arbeiten in freier Natur stammt vonTony Cragg. Seine Skulptur Holzkristall steht frei am Rande des Dörfchens Tewel in einer weiträumigen Landschaft und erzeugt allein dadurch eine große Wirkung.  Die Grenzen zwischen Natur- und Kulturlandschaft verschwimmen für einen Moment, wenn man um die Figur herumgeht, die in den Himmel zu wachsen scheint.  Eine weitere Bekanntschaft mit Craggs Kunst habe ich in Berlin gemacht. In der britischen Botschaft stehen seine Sandstein-Skulpturen „Dancing Columns“.  Auch sie verfehlen ihre poetische Wirkung nicht: Wenn man die Treppen hinauf- oder hinuntergeht, hat man das Gefühl, die Säulen seien tatsächlich in Bewegung.  Alle Skulpturen von Tony Cragg, denen ich bisher begegnet bin, haben einen tiefen Eindruck auf mich gemacht.  Das Hervorstechendste ist für mich, dass sie keine Hauptansichtsseite haben. Alle Blickrichtungen sind gleichwertig.  Von allen Seiten aus betrachtet, und sogar von innen – soweit es sich um begehbare Skulpturen handelt – erschließt sich einem eine jeweils neue Dimension.  Das ist für mich das Besondere an Tony Craggs Arbeiten. Und deshalb bin ich auf die Wirkung von Mean Average nun sehr gespannt.  Allen, die dieses Kunsterlebnis möglich gemacht haben, sind wir zu großem Dank verpflichtet.  Ich hoffe, die Menschen, die diesen Platz überqueren, werden Freude haben.  Und zwar in einem solchen Maße, dass sie gerne wiederkommen – nicht um einzukaufen oder ihren Geschäften nachzugehen, sondern eigens und absichtlich wegen der Kunst hier.  Das wünsche ich Ihnen von Herzen, verehrter Tony Cragg!«

 

Quelle: Auszüge aus dem Manuskript der Rede von Bundeskanzler a. D. Gerhard Schröder anlässlich der Enthüllung der Skulptur „Mean Average“ von Tony Cragg am Freitag, 20. Juni 2014 in Bonn