»Allein die Tatsache, dass wir heute den 50sten Geburtstag der Blechtrommel feiern zeigt, wie sehr dieser Roman Teil unseres kollektiven Gedächtnisses geworden ist. Er hat mindestens eine ganze Generation in ihrer Sozialisation geprägt.« Rede von Gerhard Schröder anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Ein Buch schreibt Geschichte. 50 Jahre Die Blechtrommel“ in Lübeck.

 

Auszüge aus der Rede:

 

»Wir schreiben das Jahr 1956. Günter Grass lebt seit kurzem in Paris und arbeitet am Manuskript der Blechtrommel. Womöglich braucht er diese räumliche Distanz, um 30 Jahre deutscher Zeitgeschichte literarisch zu fassen. Denn sein Blick richtet sich auf Deutschland, und nicht nur auf Danzig, auch wenn sich der öffentliche Eindruck verfestigt hat, dass der Roman hauptsächlich in dieser Stadt spielen würde. Nein, über weite Strecken ist Düsseldorf Schauplatz. Es ist die Welt der rheinischen Restauration der Nachkriegszeit, die Oskar Matzerath entlarven wird.

Versetzen wir uns in das Jahr 1956 in Deutschland. Womit unterhalten sich die Menschen? Welche Filme sehen die Deutschen? Welche Musik spiegelt den Massengeschmack? Dieses sind Indikatoren, die auf den seelischen und moralischen Zustand eines Volkes verweisen können. Im Kino starten 1956 folgende Filme: Schwarzwaldmelodie, Wo der Wildbach rauscht, Die Geierwally, Die drei von der Tankstelle, Dort oben, wo die Alpen glühn, Sissi die junge Kaiserin, Hochzeit auf Immenhof, Die Christel von der Post. Die Jahreshitparade verzeichnet auf den oberen Plätzen Freddie Quinn mit „Heimweh“, Peter Alexander mit „Der Mond hält seine Wacht“ und Caterina Valente: „Es ist so schön bei dir“. Im Bayerischen Rundfunk wird der erste Werbespot ausgestrahlt. Beworben wird das Waschmittel Persil. Mit Beppo Brem und Lisl Karstadt. Auf der Frankfurter Funkausstellung wird die erste Sendung „Zum blauen Bock“ präsentiert.

Soweit der kulturelle Massengeschmack in Deutschland. Und nun zum Vergleich Italien: Die italienischen Filmemacher wie Roberto Rossellini und Vittoria De Sica nutzen den Film als politisches Instrument und verdienen sich damit national wie international Anerkennung. Sie setzen sich mit dem Faschismus auseinander und zeichnen in realistischer Manier die desolaten wirtschaftlichen und sozialen Zustände in Italien.

Deutschland aber war bekanntlich weit entfernt von einer Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, wie die eben zitierten Beispiele der Massenkultur zeigen. Alle Kraft floss in einen beispiellosen Wiederaufbau eines zerstörten Landes, mit dem eine kollektive Verdrängung der historischen und moralischen Schuld einherging. Die Fragen der Kinder an die Eltern nach dem „Warum“ und „Was habt ihr zwischen ´33 und ´45 gemacht?“ blieben lange Zeit unbeantwortet. Die restaurativen Kräfte gaben den Ton an. Wegsehen war Teil des Alltags. Die konsequente Verdrängung der Vergangenheit, die fast zwei Jahrzehnte hielt, war ein erstaunliches, aber auch politisch gewolltes Phänomen.

Und in diese Stimmungslage platzte 1959 Oskar Matzerath mit lautem Trommelschlag. Mit dem Blick von unten und einer entwaffnenden Unbefangenheit entkleidet er die Erwachsenen aller Würde. Er entlarvt, kennt keine Tabus, weder vor den Menschen noch vor Gott. Und vor allem kennt dieser kleinwüchsige Held keine sexuellen Schranken. Dies war es, was das deutsche Publikum aus der Fassung brachte. Wegen des Vorwurfs der Pornografie wurde Günter Grass 1959 der Bremer Literaturpreis durch den Senat der Stadt verweigert. Und der Publizist Kurt Georg Ziesel erstritt sich 1968 das Recht, Grass „öffentlich als Verfasser übelster pornografischer Ferkeleien“ zu bezeichnen.

Viele lasen damals nur die sogenannten „Stellen“ und waren angeblich entsetzt über drastische Sexszenen, Aale in einem Pferdekopf, Brausepulver mit der Spucke des minderjährigen Oskar im Bauchnabel von Maria, die bei diesem Spiel schließlich schwanger wird. Sicher hatte die Empörung über vermeintlich Pornografisches große entlastende Wirkung. Zumindest musste man sich dann nicht mit den politisch entlarvenden Teilen des Buches auseinander setzen. Und die gibt es in Fülle, auch wenn das Buch natürlich keine illustrierte Faschismustheorie ist.

Der Roman sagt viel aus über den Zustand der deutschen Gesellschaft der 50er Jahre. Und die Rezeption des Romans in Deutschland tut es erst recht. Eine meiner Lieblingsepisoden ist das Kapitel „Im Zwiebelkeller“. In diesem Nachtlokal im Souterrain von Düsseldorf treffen sich 1950 alle, die etwas auf sich halten: Die bessere Gesellschaft der Stadt – mit ihren Eheproblemen und gepeinigten Gewissen, ihren Schwierigkeiten mit den Kindern, denen die Vergangenheit der Väter nicht passte. Hier will man seinem Herzen Luft machen, frei von der Leber wegreden. Um diesen Prozess zu befördern und Verklemmungen zu lösen, bekommt jeder Gast eine Zwiebel, die er enthäuten und schneiden muss.

Und nun erlauben Sie mir, eine kleine Passage aus diesem wunderbaren Kapitel zu zitieren: „Manche schaffen es nie zu weinen, besonders während der letzten Jahrzehnte, deshalb wird unser Jahrhundert später einmal das tränenlose Jahrhundert genannt werden. Aus diesem tränenlosen Grunde gingen Leute, die es sich leisten konnten, in den Zwiebelkeller. Ließen sich ein Hackbrettchen, ein Küchenmesser und eine Küchenzwiebel servieren, bis der Saft es schaffte, was die Welt und das Leid dieser Welt nicht schafften: Die runde menschliche Träne. Da wurde hemmungslos geweint. Die Zwiebel entlockte ihnen Offenbarungen, Selbstanklagen, Beichten, Enthüllungen, Geständnisse.“

Nun ist der Boden für den Auftritt des garstigen Oskar Matzerath bereitet. Er trommelt „die zur wahren Orgie unfähige Nachkriegsgesellschaft“ in Ekstase und bringt die Gäste dazu, einem Kleinstkindbedürfnis nachzugeben und sich selbst vollständig – einzunässen. Die Orgie nimmt ihren Lauf. Ich zitiere weiter: „Unter einem frischen Frühlingsnachthimmel des Jahres 1950 entließ ich die Damen und Herren, die lange noch in der Altstadt kindlichen Unfug anstellten, nicht nach Hause fanden, bis Polizisten ihnen wieder zu Alter, Würde und zur Erinnerung an die eigene Telefonnummer verhalfen.“ Zitat Ende

Diese Episode ist eine großartige Zeitsatire voller gesellschaftspolitischer und zeitgeschichtlicher Anspielungen. Die gute Gesellschaft wird in den totalen Infantilismus geführt. Meisterhaft erzählt, mit wunderbaren Details. Ein surrealer Zerrspiegel, den Oskar der Gesellschaft vorhält. Und zugleich ein außergewöhnlicher Lesegenuss!

Lieber Günter, mit der Blechtrommel hast du nicht nur dem Roman zur Wiedergeburt verholfen, wie die Fachleute sagen, du hast damit die Basis für deinen späteren Literaturnobelpreis gelegt. 15 Jahre nach Ende der Barbarei in Deutschland hast du mit der Blechtrommel gezeigt, dass nicht nur der Tod ein Meister aus Deutschland ist. Einem kulturell und moralisch ausgedörrten Land hast du den Spiegel vorgehalten. Was anfangs als Skandal aufgefasst wurde, ist heute ein großartiges Stück deutscher Weltliteratur.

Allein die Tatsache, dass wir heute den 50sten Geburtstag der Blechtrommel feiern zeigt, wie sehr dieser Roman Teil unseres kollektiven Gedächtnisses geworden ist. Er hat mindestens eine ganze Generation in ihrer Sozialisation geprägt. Und dafür sind wir dir von Herzen dankbar, lieber Günter. Deinen Roman zu würdigen, habe ich mich gerne bereit erklärt. Aber bitte, liebes Publikum, erwarte nicht von mir eine Würdigung des Autors. Die bekommt er erst in 8 Jahren, wenn er seinen 90. Geburtstag hier feiert.

Was ich aber in diesem Zusammenhang unbedingt hervorheben möchte, ist die Arbeit und die gesellschaftliche Verantwortung der Künstler und Kulturschaffenden. Die Blechtrommel und die Rezeption des Romans in Deutschland sind ein Lehrstück über die gesellschaftspolitische Rolle des Künstlers, ob er bzw. sie will oder nicht. Der Schriftsteller bedient sich aus der Stofffülle der Wirklichkeit, beeinflusst diese aber auch. Die Menschen und ihre Geschichten bilden seinen Resonanzboden. Dieser Zusammenhang bringt mich dazu, die Kulturschaffenden zu ermuntern, sich nicht nur der Geschichten des Lebens zu bedienen, sondern nicht nachzulassen, sich in das Leben selbst einzumischen.

Denn nicht immer ist das Klima für die Kunst gut und gedeihlich. Für die Kunst sind Freiheit und offene Gesellschaften  elementar. Genießen die Künste Schutz und Schirm durch den Staat, mags ihnen gefallen und gut bekommen. Und im Gegenzug den Politikern natürlich auch. Den besten Fall haben wir, wenn das Verständnis füreinander ausgeprägt ist. Solche Phasen gibt es, dazu bedarf es aber eines engen Austausches.

Zu meiner Zeit als Bundeskanzler haben wir diesen Diskurs gepflegt. Und ich glaube, der Kunst ist es in diesen sieben rot-grünen Regierungsjahren nicht so schlecht ergangen. Wir haben das Land geöffnet, den Mief der Kohl-Jahre vertrieben und Deutschland moderner gemacht. Zuwanderung, Integration und Staatsbürgerschaft wurden neu geregelt, gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften enttabuisiert und rechtlich gleichgestellt. Deutschlands Rolle in der Welt als Friedensmacht neu definiert. Dieses Maß an gesellschaftlicher Öffnung, das Rot-Grün schaffen konnte, war und ist nur möglich, weil die Verkrustungen und Verklemmungen des Nachkriegsdeutschlands in den 60er und 70er Jahren systematisch aufgebrochen wurden. Und es sei mir erlaubt, anzumerken: Sozialdemokraten hatten hierbei einen maßgeblichen Anteil.

Nun kann es sein, dass es einmal politische Konstellationen gibt, wo Uhren angehalten oder zurückgedreht werden. Soweit solche Prozesse politisch legitimiert sind, kann man diesen Zustand bedauern, aber nicht gewaltsam stoppen. Und deshalb ist an genau dieser Stelle die Kultur selbst aufgerufen sich einzumischen. Schicken Sie dann bitte den Trommler Oskar ins Feld oder erheben Sie am besten selbst Ihre Stimme.«

 

Quelle: Auszug aus dem Manuskript der Rede von Bundeskanzler a.D. Gerhard Schröder anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Ein Buch schreibt Geschichte. 50 Jahre Die Blechtrommel“ am Sonntag, 13. September 2009 in Lübeck (Günter Grass-Haus)