»An visionärem Wagemut stand Egon Bahr Willy Brandt in nichts nach.« Gerhard Schröder würdigt den verstorbenen SPD-Politiker Egon Bahr in einem Beitrag für die BILD-Zeitung. Der langjährige Bundesminister Egon Bahr war Vordenker der 1969 eingeleiteten Ost- und Deutschlandpolitik. Bahr starb am 19. August 2015 in Berlin.

 

»Scharfzüngig und scharfsinnig war Egon Bahr, auch listig und humorvoll. So habe ich ihn in den vergangenen vier Jahrzehnten in zahllosen Gesprächen erlebt. Ein Mann, den man respektierte und mochte, auch wenn er widersprach. Denn sein Rat war ohne Zweifel stets klug. Er gehörte zu meinen wichtigsten Ratgebern in meiner Amtszeit als Bundeskanzler und SPD-Vorsitzender – und auch in den vergangenen Jahren. In vielen großen außenpolitischen Fragen habe ich ihn nach seiner Meinung gefragt. Das Ja zum Afghanistan-Einsatz, das Nein zum Irak-Krieg, die Beziehungen zu Russland und die damals anstehende EU-Osterweiterung waren Themen.

Wenn er Vorschläge machte, hatte er immer alle Optionen und Beteiligten im Blick. Die eigenen Möglichkeiten, aber vor allem die der anderen Seite. Egon Bahr war Realpolitiker durch und durch. Das macht angreifbar. Denn diejenigen, die in der Außenpolitik versuchen, ideologische und idealistische Maßstäbe anzuwenden, fühlen sich dem Realpolitiker moralisch überlegen. Zu Unrecht! Von Egon Bahr konnte und kann man lernen, dass man sich nicht abbringen lassen darf, das zu tun, was richtig und notwendig ist. Politik nach Egon Bahr hatte immer auch damit zu tun, sich aus Zwängen zu befreien und Stück für Stück Handlungsspielräume zu eröffnen und politische Selbstbestimmung zu bewahren.

Die von ihm konzipierte Ostpolitik, die unter dem Kanzler Willy Brandt durchgesetzt wurde, ist das beste Beispiel. Egon Bahr und Willy Brandt: Man hat sich ja angewöhnt, die beiden in einem Atemzug zu nennen, als seien sie unzertrennliche politische Geschwister. Das waren sie natürlich nicht. Egon Bahr hatte durchaus seinen eigenen Kopf und seine eigene Entschiedenheit. Ich habe das 1978 sehr schnell erfahren, als ich, damals frisch gewählter Juso-Vorsitzender, mit dem damaligen SPD-Bundesgeschäftsführer Bahr aneinandergeriet.

Egon Bahr war Architekt, Stratege oder auch – wie manche ihn nannten – „Stellwerker“ der Ostpolitik. An visionärem Wagemut stand er Willy Brandt in nichts nach. In seiner Rede vor der Evangelischen Akademie in Tutzing 1963 prägte er damals die Formel vom „Wandel durch Annäherung“. Damit hatte er die Linien vorgezeichnet, die später, ab 1969, die neue Ostpolitik bestimmen sollten. Vor allem war er aber der versierte Taktiker, der sie Realität werden ließ. Er konnte Verhandlungen auch bis zur Erschöpfung und darüber hinaus führen. Das zahlte sich beim Aushandeln des Grundlagenvertrags mit der DDR, insbesondere aber bei den Verträgen von Moskau und Warschau aus. Damit begann der Prozess der Entspannung in Europa, der den Weg zu den friedlichen Revolutionen in den Staaten des Warschauer Pakts und zum Fall der Berliner Mauer zwei Jahrzehnte später eröffnete.

Ein Grundgedanke von Bahrs Entspannungspolitik war, sich immer auch in die Position des Anderen hineinzuversetzen; zu verstehen, warum der Andere so handelt, wie er handelt – auch wenn man dessen Haltung und Taten nicht für richtig hält. Man muss der Gegenseite auf Augenhöhe begegnen und darf sie nicht überfordern. Nur wer dazu in der Lage ist, kann eine rationale Politik gestalten. Bahr ging es darum, Kriege zu verhindern und den Frieden auf unserem Kontinent zu sichern. Und diese Position, die auf den Erfahrungen der Entspannungspolitik beruht, hatte er bis in die heutige Zeit vertreten. Seine Äußerungen zu der Ukraine-Krise und zum europäisch-russischen Verhältnis waren hiervon geprägt.

Egon Bahr hat die deutsche und die europäische Außen- und Sicherheitspolitik geprägt. Sein Vermächtnis ist auch eine Verpflichtung für die heute politisch Handelnden: durch eine Politik der Zusammenarbeit, der Vertrauensbildung und der Entspannung für Frieden, Stabilität und Sicherheit zu sorgen. Wenn wir auf die besorgniserregenden Konflikte in und um Europa blicken, sollten wir uns an Egon Bahrs Politik erinnern und in seinem Sinne handeln.«