»Wolfgang Huber ist ein Theologe des Wortes, aber vor allem ein Theologe der Tat. Er will verändern, verbessern, beeinflussen – zum gesellschaftlichen Wohle möglichst vieler.« Gerhard Schröder würdigt bei einem Festakt der Evangelischen Kirche in Deutschland in Berlin den langjährigen EKD-Ratsvorsitzenden Altbischof Wolfgang Huber.

 

Auszüge aus der Ansprache:

 

»Ich schätze sehr den Menschen Wolfgang Huber, ich respektiere den Theologen und ich bewundere den Intellektuellen. Unsere Wege haben sich in den vergangenen Jahren häufig gekreuzt, natürlich bedingt durch unsere Ämter vor allem während meiner Kanzlerschaft und während seiner Amtszeit als EKD-Rats­vorsitzender. Wir lagen dabei gelegentlich auch über Kreuz in einigen Fragen. Aber nie persönlich, sondern stets nur in der Sache. Wir beide hatten und haben eben Freude an klaren Positionen. Aber was mich immer wieder beeindruckt hat, waren die Gespräche, die ich in den vergangenen Jahren mit Wolfgang Huber führen konnte. Das sind im besten Sinne Diskurse, die von seiner Seite mit intellektueller Präzision geführt werden. Man muss sich da schon mit höchster Konzentration den Thesen und Argumenten stellen. Es ist also ein Genuss, mit Wolfgang Huber zu reden, zu diskutieren und zu streiten.

Und streitbar ist er – im besten Sinne des Wortes. Er ist eben ein vernehmbarer Protestant. Wer die öffentlichen Debatten verfolgt, weiss, dass Wolfgang Huber einer der führenden intellektuellen Köpfe unseres Landes ist. Was ihn auszeichnet ist, dass er sich dabei nie scheut, in die angeblichen Niederungen des Alltagsgeschäfts und der Tagespolitik herabzusteigen. Und dabei Fragen zu stellen, die unbequem sind, nach Antworten zu suchen – und sich zu Wort zu melden, wenn andere die Auseinandersetzung scheuen. Er ist ein Theologe des Wortes, aber vor allem ein Theologe der Tat. Er will verändern, verbessern, beeinflussen – zum gesellschaftlichen Wohle möglichst vieler.

Um sich der Person Wolfgang Huber zu nähern, möchte ich eine Begebenheit von vor mehr als zehn Jahren in Erinnerung rufen. Mir hat sie sich tief eingeprägt. Jeder Mensch weiss noch, wo er sich am 11. September 2001 befunden hat, was er im Fernsehen sah, was er fühlte. Mir haben sich die Bilder dieses Tages, vor allem die der Verzweifelten, die sich aus den zerberstenden Hochhäusern in New York stürzten, unauslöschlich in der Erinnerung festgesetzt. Dieses Ereignis hat die Weltpolitik, auch die deutsche Politik, grundlegend verändert. Die Stichworte sind bekannt: Afghanistan und Irak.

Wir waren an diesem 11. September alle zutiefst erschüttert. Um dieser Trauer Ausdruck zu geben, wurde am darauf folgenden Tag ein ökumenischer Gottesdienst in der Sankt-Hedwigs-Kathedrale abgehalten. Ich kann mich an diesen Gottesdienst gut erinnern, und ich war froh, dass die Predigt vom damaligen Landesbischof Huber gehalten wurde. Diese Predigt lohnt, immer wieder gelesen zu werden, weil sie nicht nur der Trauer Ausdruck gab, sondern weil sie auch politisch weitsichtig war. Wolfgang Huber sagte damals: „Es muss Schluss sein damit, dass man sich auf Religion und auf den Unterschied der Religionen beruft, dafür dass menschliches Leben geschändet und getötet wird.“

Aber er hatte auch eine Botschaft für die politisch Handelnden – und es ist bezeichnend, dass er sich in dieser schweren Stunde auf Dietrich Bonhoeffer bezog: Gott warte und antworte auf „verantwortliche Taten“. Und wie Wolfgang Huber hinzufügte: „mit den Mitteln des Rechts“, so dass wir in Freiheit und Gerechtigkeit leben könnten. Diese Verantwortung habe ich gespürt. Daraus erwuchsen unser deutsches Ja zum Afghanistan-Einsatz, der im Einklang mit dem Völkerrecht stand, und unser Nein zum Irak-Krieg, der völkerrechtlich nicht gedeckt war. Im Rückblick kann ich sagen: Bischof Hubers Predigt gab mir Orientierung und Kraft für die bevorstehenden Entscheidungen und Auseinandersetzungen.

Für Wolfgang Huber sind zwei Begriffe bestimmend: Freiheit und Verantwortung. Sie gelten für ihn – im Denken, im Sagen und im Handeln. Freiheit und Verantwortung – das ist, auch, ein Erbe der Reformation. Dies kommt sehr gut in einem berühmten Luther-Zitat zum Ausdruck: “Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Im Zentrum soll der selbstbestimmte Mensch stehen, der Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, der Umwelt, den Mitmenschen verspürt und entsprechend handelt.

Freiheit ohne Verantwortung ist nicht denkbar. Oder zumindest nicht verantwortbar. Freiheit, das heißt, dass jede und jeder Einzelne die Chance auf die Verwirklichung eines selbstbestimmten und eigenverantwortlichen Lebens haben soll. Die moderne und menschliche Gesellschaft muss daher eine Gesellschaft der Chancengerechtigkeit sein, die jeden Einzelnen befähigt, seine Talente zu entfalten, damit er sein Leben in die eigenen Hände nehmen kann. Man kann das auch mit dem Prinzip „Fördern und Fordern“ umschreiben.Wolfgang Huber verwendet dafür den Begriff „verantwortete Freiheit“. Und diese gilt an allen Orten – für Regierte und Regierende, für arm und reich, für alt und jung, für Christen und Nichtchristen.

In einem Vortrag beim “Karlsruher Foyer Kirche und Recht” im Jahr 2008 zitierte Wolfgang Huber den ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Dieser hatte klug formuliert, es sei nicht die Aufgabe der Kirchen, Politik zu machen, wohl aber Politik möglich zu machen. Gesellschaft und Staat seien darauf angewiesen, dass an dem Dialog zwischen den gesellschaftlichen Gruppen auch solche beteiligt seien, die nicht nur ihr Eigeninteresse vertreten, sondern sich „mit bewusster Klarheit“ am gemeinsamen Besten orientieren. Wolfgang Huber hat sich mit dieser „bewussten Klarheit“ immer wieder in öffentlichen Debatten geäußert. Denn die Kirche muss sich nach seiner Überzeugung einmischen. Sie kann nicht außen vor, nicht neutral bleiben, wenn es um entscheidende Fragen der Gesellschaft und des Gemeinwohls geht. Für meine Amtszeit als Bundeskanzler kann ich sagen: An den Einschätzungen eines Bischof Kock, eines Bischof Huber und eines Kardinal Lehmann kam ich als Bundeskanzler nicht vorbei. In dieser Tradition einer einmischenden Kirche steht heute auch Ratsvorsitzender Schneider. Das bedeutet nicht, dass diese Positionen sich stets eins zu eins durchzusetzen vermögen, aber man muss sich als Politiker damit auseinandersetzen.

Drei Beispiele aus den vergangenen Jahren möchte ich erwähnen, in denen sich Wolfgang Huber klar und nicht unumstritten positioniert hat. Erstens: Die Lebenswissenschaften. Die ethischen Fragen neuer Entwicklungen auf dem Gebiet der Lebenswissenschaften sowie deren Folgen für Individuum und Gesellschaft gehören zu den wichtigsten Debatten in unserem Land. Von der Politik erwarten die Bürgerinnen und Bürger zu Recht, dass sie verantwortliche Entscheidungen trifft, um die Chancen nutzbar zu machen. Aber natürlich auch, um Menschen vor untragbaren Risiken schützen zu können. Deshalb muss die Politik Regeln festlegen und durchsetzen. Um den Dialog darüber zu führen, habe ich im Jahr 2001 den Nationalen Ethikrat gegründet, der von meiner Nachfolgerin fortgeführt wurde. Wolfgang Huber gehörte zu den ersten Mitgliedern und wurde im Jahr 2010 wiederberufen. Die Debatte begleitet uns seit nunmehr zehn Jahren, und sie hat nicht nur in Gesellschaft und Politik, sondern auch in den Kirchen und zwischen den Kirchen zu unterschiedlichen Auffassungen geführt.

In seiner Funktion als EKD-Ratsvorsitzender war diese Debatte für Wolfgang Huber eine schwierige Gratwanderung. Er sah sich Anfeindungen und Verratsvorwürfen ausgesetzt. Seinen Kritikern hielt er immer wieder vor, dass starke Positionen auch starr sein und dadurch verantwortbare Lösungen verhindern können . Die evangelische Kirche habe immer gefragt, was konkret dem Menschen, dem Leben dienen könne. Ich habe ihn in unseren Gesprächen so verstanden, dass es ihm darum geht, eine Ethik des Heilens und des Helfens mit der Achtung vor der Schöpfung und dem Schutz des Lebens in Einklang zu bringen.In diesem Sinne hat er versucht, Brücken zwischen gegnerischen Positionen zu bauen – auch im Wissen, dass dies in Grundsatzfragen schwierig, oft sogar unmöglich ist.

Ein zweiter Bereich, in dem sich Wolfgang Huber positioniert hat, sind die Arbeitsmarktreformen der Agenda 2010. Das hat ihm in den eigenen Reihen nicht nur Zustimmung eingebracht, um es diplomatisch auszudrücken. Nun könnten wir es uns leicht machen und sagen: 10 Jahre danach hat ihm die Entwicklung des deutschen Arbeitsmarktes recht gegeben. So sehen es die internationalen Beobachter, die ja mit Erstaunen feststellen, dass sich die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland fast halbiert hat, während sie im übrigen Europa geradezu explodiert. Aber Wolfgang Huber hat diese Reformen grundsätzlich verteidigt, und darüber hat er mit mir damals diskutiert – im Übrigen nicht kritikfrei.

Es hat etwas mit seinem Bild der „verantworteten Freiheit“ zu tun, mit der Balance  zwischen der Solidarität der Gesellschaft auf der einen und der Eigenverantwortung des Individuums auf der anderen Seite. Von jedem und jeder das ihm, das ihr Mögliche zu fordern, hat auch mit Respekt vor der Würde des Einzelnen zu tun, dem zunächst eigene Verantwortung zugemutet werden muss – und kann. Und dazu zählt ebenso, die Menschen zu ermutigen und zu befähigen, also das „Fordern und Fördern“. Im Übrigen teilen wir dabei eine Erfahrung: Es gibt eine zeitliche Lücke zwischen der Einführung von Reformen und den positiven Wirkungen dieser Reformen. Denn Wolfgang Huber ist es mit den Reformen, die er in seiner Landeskirche durchgesetzt hat, ganz ähnlich ergangen.

Drittens hat Wolfgang Huber sich immer für eine selbstbewusste Kirche eingesetzt – selbstbewusst in einer scheinbar immer religionsfremderen Gesellschaft, gegenüber anderen Religionen, auch in der Ökumene. Das mag auch dazu beigetragen haben, dass er als der „Otto Schily der EKD“ bezeichnet wurde. Die Reformanstrengungen innerhalb der Kirche, die notwendig sind, um sich den demographischen und gesellschaftlichen Entwicklungen anzupassen, dienen auch diesem Ziel eines neuen Selbstbewusstseins. Als EKD-Ratsvorsitzender hat er diesen Prozess begonnen, um die Kirche in der Gesellschaft zu stärken.

In diesem Zusammenhang muss auch sein Engagement für den konfessionellen Religionsunterricht in Berlin gesehen werden. Um dort präsent zu sein, wo die Wertvorstellungen von jungen Menschen mit geprägt werden – oder besser gesagt: werden sollten. Wir beide sind in dieser politischen Frage nahe beieinander – und wir beide haben an der Position der Berliner SPD keine Freude gehabt.

Blickt man auf die 70 Lebensjahre von Wolfgang Huber zurück, dann erscheinen sie auf den ersten Blick sehr stringent, geradlinig – genau wie man es von einem Menschen mit einer festen Haltung und mit Charakterstärke erwartet. Einige Stationen seines Lebens, nicht zu viele, möchte ich in Erinnerung rufen: Eine beeindruckende akademische Laufbahn, 1966 mit 23 Jahren promoviert, 1972 habilitiert. 1980 Professor für Sozialethik in Marburg, 1984 Professor für Systematische Theologie in Heidelberg. Ab 1979 Präsidiumsmitglied, später auch Präsident des Evangelischen Kirchentags. Er gestaltete die wohl politischsten Kirchentage mit. 1993 Bischof der Evangelischen Landeskirche von Berlin-Brandenburg, zu der später die schlesische Oberlausitz hinzukommt. Und 2003 Vorsitzender des Rats der EKD.

Aber es gibt bei Wolfgang Huber besondere Prägungen, vielleicht auch Brüche, sowie Misserfolge und Enttäuschungen. Ich kenne sie nicht alle. Und die, die ich kenne, sollen heute unerwähnt bleiben. Aber auf die Prägung durch die Familie möchte ich doch noch kurz eingehen. Während meines Studiums in Göttingen habe ich mit Begeisterung die Vorlesungen des Verfassungsrechtlers Ernst Rudolf Huber, des Vaters, gehört. Seine Verfassungsgeschichte gehörte zu den ersten Büchern, die ich mir als Student gekauft habe. Nun haben wir uns als Studenten durchaus mit  der Rolle von Ernst Rudolf Huber vor 1945 auseinandergesetzt, von der er sich später distanziert hat. Dieser Teil seiner Lebensgeschichte schmälerte dennoch nicht die Faszination, die er auf uns junge Studenten ausstrahlte. Seine Vorlesungen waren „Kult“, würde man heute sagen.

Ernst Rudolf Huber hatte eine tiefe Kenntnis der Verfassungsgeschichte, hielt seine Vorlesungen frei, sie waren druckreif und stets genau 45 Minuten lang. Jeder Satz war perfekt, die Vorlesungen für angehende Juristen ein Höchstgenuss. Wer heute den Prediger Wolfgang Huber erlebt, ist beeindruckt von seiner großen rhetorischen Begabung. Der Wirkung seiner Argumentation, die immer intellektuell klar und präzise ist und zugleich große Empathie zeigt, kann sich niemand entziehen. Ich denke, dass diese seltene Begabung ihre Prägung und Formung sicher in der Familie erfahren haben wird.

Zum Abschied aus dem Amt des Landesbischofs sollen Mitglieder eines brandenburgischen Kirchenkreises einen netten Reim verfasst haben. Ich weiß nicht, ob die Geschichte stimmt, aber der Reim ist so gut, dass ich ihn zitieren möchte:

„Er ist doch noch so jung

und noch so vital,

wär‘ er jetzt katholisch,

würd‘ er Kardinal.“

Das ist zeitlos gut – und gilt für den 70-jährigen Wolfgang Huber immer noch. In diesem Sinne hoffe und erwarte ich, dass wir seine Stimme in den gesellschaftlichen Debatten in unserem Land weiter vernehmen werden. Lieber Wolfgang: herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag und alles erdenklich Gute für die Zukunft!«

 

Quelle: Auszüge aus dem Manuskript der Rede von Bundeskanzler a.D. Gerhard Schröder anlässlich des Festaktes der Evangelischen Kirche in Deutschland zum 70. Geburtstag von Bischof Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Huber am Freitag, 17. August 2012 in Berlin