»Indem wir in dieses Haus einzogen, nichts veränderten, nichts verhüllten oder versteckten, haben wir auch deutlich gemacht, dass die Geschichte der DDR, die guten wie die schlechten Seiten, zu einem Teil der Geschichte unseres wiedervereinigten Deutschlands wurde.« Anlässlich einer Veranstaltung der European Business School of Management and Technology, die heute im ehemaligen DDR-Staatsratsgebäude in Berlin beheimatet ist, blickt Gerhard Schröder auf die Jahre zurück, in denen das Kanzleramt dort seinen provisorischen Sitz hatte. Gerhard Schröder hatte als Bundeskanzler, das ist eine historische Besonderheit, drei Dienstsitze: 1998 bis 1999 das Kanzleramt Bonn, 1999 bis 2001 das ehemalige Staatsratsgebäude in Berlin und 2001 bis 2005 das neu gebaute Kanzleramt in Berlin.

 

Auszüge aus der Rede:

 

»Die fast zwei Jahre, die ich in diesem Gebäude als Bundeskanzler amtiert habe, waren eine wichtige Phase, nicht nur in meinem persönlichen Leben, sondern auch in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Das Staatsratsgebäude ist ein historischer Ort. Es ist der Ort, an dem 25 Jahre lang der höchste politische Repräsentant der DDR seinen Sitz hatte. Auch von hier aus wurde der Unrechtsstaat gelenkt. Dies wird mit dem Gebäude, unabhängig von seiner späteren Nutzung, immer verbunden bleiben.

Aber das Staatsratsgebäude ist nach dem Fall der Mauer 1989 durch seine Nutzung auch zu einem Ort des Aufbruchs geworden. Da ich zwei Jahre dieses Aufbruchs hier miterlebt und gestaltet habe, möchte ich zunächst einen kurzen Blick auf die letzten Jahre des vergangenen Jahrhunderts richten. Der Umzug des Bundeskanzleramtes im August 1999 in dieses Gebäude als provisorischen Dienstsitz war Teil des Regierungsumzugs von Bonn nach Berlin. Dem vorausgegangen war acht Jahre zuvor der Beschluss des Deutschen Bundestages, dass Berlin zukünftig Sitz von Parlament und Regierung, die Stadt also tatsächlich Hauptstadt werden sollte.

Viele sprachen damals vom Wechsel von der Bonner Republik zur Berliner Republik. Damit verbanden sich Befürchtungen, aber auch Hoffnungen. Befürchtungen, der alte Wilhelminismus mit seinem Größenwahn könnte wieder auferstehen. Aber auch Hoffnung auf Neues, Zukunftsgerichtetes war mit dem Umzug nach Berlin verbunden. Ich habe in diesem Umzug nie einen Bruch in der Kontinuität deutscher Nachkriegsgeschichte gesehen. Denn wir gingen ja nicht von Bonn nach Berlin, weil die alte Bundesrepublik in Bonn gescheitert war.  Die Bonner Demokratie war gelungen. Sie war die Politik der Verständigung und der guten Nachbarschaft, des Interessenausgleichs mit anderen Völkern und Staaten, der festen Verankerung Deutschlands in Europa und im Atlantischen Bündnis. All das hat entscheidend dazu beigetragen, dass die sogenannte Berliner Republik im geeinten Deutschland überhaupt möglich wurde.

Der Start in die Berliner Republik fiel zusammen mit dem Regierungswechsel im Herbst 1998. Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik hatten die Wähler eine amtierende Bundesregierung abgewählt und SPD und Grüne beauftragt, Deutschlands Außen-, Innen-, Wirtschafts- und Sozialpolitik zu erneuern. Dieser Regierungswechsel war auch eine Art Generationswechsel. Meine Generation, die 1998 Regierungsverantwortung übernahm, hatte den Zweiten Weltkrieg nicht mehr unmittelbar miterlebt. Wir hatten von Beginn an Demokratie gelebt.

Dieser politische Aufbruch 1998 fiel nun zusammen mit dem Umzug nach Berlin 1999 und bekam damit einen zusätzlichen Anschub. Plötzlich befanden wir uns im ehemaligen politischen Zentrum der Hauptstadt der untergegangenen DDR und erlebten die Konfrontation mit diesem Teil unseres wiedervereinigten Landes hautnah. Für mich war die Nutzung des ehemaligen DDR-Staatsratsgebäudes durch das Kanzleramt der Bundesrepublik Deutschland ein Symbol für all die Vieldeutigkeiten in der deutschen Geschichte. Und für die Lehre, dass uns keine Alternative bleibt, als unsere Geschichte als Ganzes anzunehmen. Indem wir in dieses Haus einzogen, nichts veränderten, nichts verhüllten oder versteckten, haben wir auch deutlich gemacht, dass die Geschichte der DDR – die guten wie die schlechten Seiten – zu einem Teil der Geschichte unseres wiedervereinigten Deutschlands wurde. Und im Wissen um diese gemeinsame Geschichte habe ich dieses Gebäude als Kanzler und als Vertreter eines demokratischen Deutschlands von Beginn an angenommen und bin offen mit seiner symbolhaften Ausgestaltung umgegangen.

Jedes Mal, wenn ich vor diesem Gebäude stehe, spricht mich die proportionierte Fassadengliederung besonders an. Und dort vor allem das integrierte Schlossportal, das man ja auch wie die Erklärung des Sieges der Arbeiterklasse über die Aristokratie lesen kann. Im Innern des Gebäudes beeindrucken der großzügige Treppenaufgang und vor allem das farbige Glasbild im Treppenhaus .Dieses imposante Kunstwerk zeigt über drei Geschosse hinweg Szenen aus der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, die eng mit der Staatswerdung der DDR verbunden sind. Als wir 1999 das Gebäude in Nutzung nahmen, interessierte sich die Hauptstadtpresse jedoch weniger für die Geschichte der Arbeiterbewegung, als vielmehr für die Frage, wie die einzelnen Motive effektvoll genutzt werden konnten. Also musste ich für die Fotografen an einer bestimmten Stelle Halt machen, und zwar am Bild von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, das mit „Trotz alledem“ überschrieben war. Dieser Ausspruch etwa auf Höhe meines Kopfes sollte wie eine Sprechblase wirken und wurde zum beliebten Fotomotiv. Im Rückblick empfinde ich diesen Spruch fast wie ein Leitmotiv für meine Regierungsjahre. Denn die Widerstände gegen unsere Reformpolitik der Agenda 2010, aber auch gegen unsere eigenständige Außenpolitik, etwa beim Nein zum Irak-Krieg, waren enorm. „Trotz alledem“ haben wir sie durchgesetzt.

Ein zweites Kunstwerk hat mich von Anfang an für sich eingenommen: Es ist der 40 Meter lange Porzellanfries oben im Bankettsaal, der den lapidaren Titel „Das Leben in der DDR“ trägt. Im Mittelpunkt dieser farbigen Malerei auf Meißner Porzellanfliesen steht der sogenannte werktätige Mensch als Arbeiter oder Bauer. Auch dieses Kunstwerk des sozialistischen Realismus hat seinen eigenen Wert, den wir als gemeinsamen Teil unserer Geschichte respektieren sollten – egal, ob die darin enthaltene Botschaft gefällt oder nicht. Und im sogenannten Diplomatensaal hat gleich nach dem Einzug hier jeden Mittwoch um 9.30 Uhr das Kabinett getagt. Mir war dieser Raum von einem früheren Besuch der DDR bereits bekannt. Hier wurde ich 1985 als Vorsitzender der niedersächsischen SPD-Landtagsfraktion vom Vorsitzenden des DDR-Staatsrates Erich Honecker empfangen. Hätte mir damals jemand gesagt, dass ich 13 Jahre später als Bundeskanzler des geeinten Deutschlands hier die Sitzungen der Bundesregierung leiten würde, hätte ich ihn wohl für verrückt erklärt.

Und dann ist da noch der berühmte Kinosaal im zweiten Obergeschoss. Dort wurden zu DDR-Zeiten Filme vor ihrer öffentlichen Freigabe auf ihre sogenannte politische Korrektheit hin geprüft. Diesen Kinosaal einer sinnvollen Nutzung zuzuführen, hatte mich von Anfang an gereizt. Deshalb hatte ich den DDR-Filmemacher und Maler Jürgen Böttcher alias Strawalde gebeten, hier seine Filme vorzuführen. Viele seiner Filme waren früher in diesem Kinosaal geprüft und aus dem Verkehr gezogen worden. Da ich Strawalde sehr schätze, wollte ich ihm und seinem Gerechtigkeits-empfinden eine passende Gelegenheit für eine späte Genugtuung bieten. Das gelang, allerdings nicht ganz. Die Gäste kamen, Strawalde führte in das Projekt ein, aber dann versagte die veraltete DDR-Vorführtechnik. So nutzten wir bei Bier und Kartoffelsuppe diesen Abend für einen intensiven Austausch zwischen Politik und Kultur. Für die nötige Inspiration sorgte dieser spannende Ort. Michael Naumann, der erste Staatsminister für Kultur und Medien im Kanzleramt, setzte diese Reihe fort und lud die Gäste der Berlinale zu einer großen Abschlussfeier hier in die Festsäle des Hauses ein. Das Haus platzte aus allen Nähten. Mehr als tausend Gäste aus aller Welt kamen. Alle Sparten der Kultur waren vertreten, aber vor allem natürlich der Film mit seinen großen und kleinen Stars. Wenn heute Berlin als eine der kreativsten und hippsten Stadt gefeiert wird, dann behaupte ich, wurde hier der Grundstein für diesen Markenkern gelegt.

Das Staatsratsgebäude war zu DDR-Zeiten ein für die Bürger verschlossenes Gebäude. Von hier wurde nicht regiert, sondern geherrscht. Das umzukehren, war mir ein wichtiges Anliegen. Das Kanzleramt, egal in welchem Gebäude es beheimatet ist, sollte ein offener Ort der Demokratie sein. Ein Ort, der den Bürgern gehört und der offen für seine Bürger ist. Deswegen öffneten wir gleich nach Einzug die Türen und luden die Berliner Bürgerinnen und Bürger zu einem Besuch „ihres“ Staatsratsgebäudes ein. Sie sollten die Hemmschwelle des provisorischen Kanzleramtes überwinden und sich bei einem Rundgang ein Bild vom Amt machen. Die Gäste waren begeistert und nutzten dieses Angebot ausgiebig. Zuvor war ja niemandem der Rundgang durch dieses ehemalige DDR-Machtzentrum gestattet gewesen. Wir haben diese Idee zum sogenannten „Tag der offenen Tür der Bundesregierung“ weiterentwickelt. Mittlerweile ist sie eine feste Institution in Berlin, die jedes Jahr Zehntausende Besucher anlockt. Wohin man schaute: Aufbruch! Und kein Zweifel: Der genius loci dieses Gebäudes hat diese Anfangsjahre unserer Regierungszeit im guten Sinne beflügelt.«

 

Quelle: Manuskript der Rede von Bundeskanzler a. D. Gerhard Schröder anlässlich der Veranstaltung „50 Jahre Staatsratsgebäude“ am Montag, 6. Oktober 2014 in Berlin