»Ich wollte selbst mitbestimmen, wohin sich die Gesellschaft entwickelt. « Am Ort der Wiedergründung der SPD nach dem 2. Weltkrieg, Wennigsen bei Hannover, wurde Gerhard Schröder für seine 50-jährige Parteimitgliedschaft geehrt. Die Laudatio hielt der Parteivorsitzende Sigmar Gabriel. „Was Erfolge angeht, können Dir nicht viele das Wasser reichen“, sagte Gabriel.

 

Auszüge aus der Ansprache von Gerhard Schröder:

 

“Dieser Festakt ist für mich eine große Ehre. Zum einen, weil mir die Mitgliedschaft in der SPD viel bedeutet.  Und zum andern, weil für diese Auszeichnung Wennigsen gewählt wurde, ein für die deutsche Sozialdemokratie wichtiger Ort.  Hier hat Kurt Schumacher die SPD nach dem Ende der national-sozialistischen Gewaltherrschaft nicht neu, sondern wieder begründet.  Da musste nichts neu erfunden werden, denn es konnte angeknüpft werden an das Engagement von Hunderttausenden Sozialdemokraten, an unverbrüchliche Werte und an einen Namen.  Kurt Schumacher wäre nie auf die Idee gekommen, unserer Partei nach 1945 einen neuen Namen zu geben.  Denn wir Sozialdemokraten haben uns nie so verbogen, als dass wir den Namen hätten ändern müssen – wie es andere tun mussten, um zu kaschieren, dass sie den Nazis den Weg zur Macht ebneten.  Verfolgung, Unterdrückung, zwei Weltkriege und Diktaturen konnten die SPD weder beugen noch brechen. Und sie ist aus diesen Phasen der Bedrängnis stets gestärkt hervorgegangen…

Als ich 1963 mit 19 Jahren in die SPD eintrat, kannte ich Kurt Schumacher, der elf Jahre zuvor verstorben war, nur vom Namen. Aber diese Bilder von dem aufrechten Mann, der so sehr von Nazi‑Folter und Krieg gekennzeichnet war, die kannte ich natürlich.  Die sozialdemokratischen Führungspersönlichkeiten, die für mich Vorbild waren, waren von Kurt Schumacher geprägt. Das gilt vor allem für Helmut Schmidt.  Ich bin wegen Helmut Schmidt, damals noch Innensenator in Hamburg, in die SPD eingetreten. Ein Jahr zuvor hatte er sich im Kampf gegen die Hamburger Sturmflut große Verdienste erworben.  Dieses kraftvolle Handeln und vor allem seine großartige Rhetorik haben mich beeindruckt.  Sicherlich war ich später als Juso-Bundesvorsitzender politisch näher bei Willy Brandt als bei ihm, aber dieser große Respekt ist immer geblieben, bis heute.

Mein Eintritt in die SPD war eine bewusste Entscheidung, denn mich hat Politik als Möglichkeit interessiert, gestalterisch zu wirken.  Das wichtigste Argument war für mich, dass ich nicht andere über mich bestimmen lassen wollte. Ich wollte selbst mitbestimmen, wohin sich die Gesellschaft entwickelt.  Das hat natürlich mit meiner Herkunft aus ärmlichsten Verhältnissen zu tun.  Ich konnte und ich wollte nicht akzeptieren, dass Menschen wie ich nicht studieren sollten, nicht aufsteigen sollten, nicht – oder zumindest möglichst wenig – mitbestimmen sollten.  Das meint das Wort „Teilhabe“. Die SPD steht für das Recht auf Teilhabe am Haben und am Sagen in unserer Gesellschaft.  Nicht die wenigen oben sollen bestimmen, sondern alle sollen mitbestimmen – in der Gemeinde, im Betrieb, in der Gesellschaft. Dafür steht die SPD und dafür steht vor allem unsere Bildungspolitik.  Die Bildungspolitik der SPD hat mir persönlich die Chance auf meinen beruflichen Aufstieg ermöglicht. Das, was man den zweiten Bildungsweg nennt, das ist klassische sozialdemokratische Bildungspolitik: Nämlich jedem, der es möchte und der es kann, das Tor zu den Universitäten zu öffnen.  Und das bleibt für mich der Kern sozialdemokratischer Bildungspolitik: die Chancen unserer Kinder dürfen niemals vom Geldbeutel der Eltern abhängen…

Ich bin nunmehr seit 50 Jahren Parteimitglied und ich durfte fünf Jahre lang Vorsitzender dieser großartigen  Partei sein. Das war für mich, auch wenn es schwierige Zeiten waren, eine große Ehre in der Nachfolge von August Bebel, Kurt Schumacher und Willy Brandt zu stehen.  In meinen 50 Jahren als SPD-Mitglied habe ich es, weiß Gott, nicht allen Recht gemacht. Einige habe ich auch verletzt, was ich im Rückblick bedaure.  Die Partei hat es mir aber auch nicht immer leicht gemacht. Dieses Spannungsverhältnis hat meine politische Karriere gekennzeichnet.  Aber ich bin sicher: ohne diese Spannungen wäre auch mein Weg ins Kanzleramt nicht möglich gewesen.  Denn es gibt dorthin keinen graden Weg.

Ich bin der Partei dankbar.  Dankbar, dass sie mir über ihre Bildungspolitik ermöglicht hat, nicht nur Verkäufer für Haushalts- und Eisenwaren in Lemgo zu sein, sondern heute Rechtsanwalt.  Dankbar, dass ich unser Land und seine Entwicklung von höchster Stelle aus mitgestalten konnte. Ohne die SPD und die Unterstützung von so vielen Menschen hätte ich nie Bundeskanzler dieses Landes werden können.  Und diese Dankbarkeit bleibt.«

Quelle: Auszüge aus dem Manuskript der Ansprache von Bundeskanzler a.D. Gerhard Schröder anlässlich der Überreichung der Urkunde zu seinem 50-jährigen Parteijubiläum am Samstag, 14. September 2013 in Wennigsen