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Corona-Krise: Wir brauchen international wieder mehr Kooperation

Bundeskanzler a.D. Gerhard Schröder (Foto: Jim Rakete)


Im Jahr 1978 traf ich bei einer Reise in die damalige Sowjetunion zum ersten Mal in meinem Leben einen Weltkriegsveteranen der Sowjetarmee. Wir besichtigten einen Staudamm in der Ukraine, und er führte mich in seiner Armeeuniform mit zahlreichen Orden durch das dazugehörende Museum. Er war damals schon ein alter Mann, dessen Sohn im Krieg gegen die Deutschen ums Leben gekommen war.

Obwohl Hitler-Deutschland sein Land mit einem in dieser Dimension beispiellosen Vernichtungsfeldzug überzogen hatte, hegte er mir gegenüber keinerlei Groll, Wut oder Hass, sondern begegnete mir mit großer Herzlichkeit. Ich war für ihn ein junger Deutscher, der keine unmittelbare Schuld für die Verbrechen der Väter trug. Das hat mich zutiefst berührt, weil es mir gezeigt hat, welche Kraft die Versöhnung und das Verzeihen entwickeln können.

Der Zweite Weltkrieg kostete mehr als 60 Millionen Menschen das Leben und war der grausamste der Menschengeschichte. Wenn sich nun am 8. Mai das Ende dieses Krieges in Europa zum 75. Mal jährt, dann fällt das Gedenken ganz anders aus als geplant – ohne offizielle Veranstaltungen wie zum Beispiel zur Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, ohne den von Bundespräsident Steinmeier angesetzten Staatsakt in Berlin und ohne die traditionelle Militärparade in Moskau. Und auch in Asien, wo der Krieg erst am 2. September 1945 mit der Kapitulation Japans endete und nicht minder schlimme Spuren hinterließ, werden keine Gedenkveranstaltungen stattfinden können.

Wir haben eine bleibende moralische und politische Verpflichtung

Heute wird die Welt wieder in ihrer Gesamtheit bedroht. Dieses Mal haben alle in der Corona-Pandemie einen gemeinsamen Gegner. Es ist kein Krieg, aber es ist eine Bedrohung. Und es ist eine Herausforderung. Doch bei alledem müssen wir einen Moment innehalten und uns vergegenwärtigen, warum gerade jetzt das Gedenken an den 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges so herausragend wichtig ist. Es bleibt unsere Aufgabe und Verantwortung an die beispiellosen Verbrechen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, die damals ihr Ende fand, zu erinnern. Denn der deutsche Vernichtungsfeldzug und der Holocaust waren ein jede menschliche Vorstellungskraft übersteigendes Menschheitsverbrechen. Einen derart tiefen Riss durch die europäische Kulturgeschichte hat es nie zuvor gegeben.

Meine Generation ist im Schatten dieses Geschehens aufgewachsen: Das Grab meines Vaters, der als Soldat in Rumänien fiel, hat meine Familie erst vor rund 20 Jahren gefunden. Ich wurde ein Jahr vor Kriegsende geboren und habe meinen Vater nie kennen lernen dürfen. Wenn wir die Erinnerung an diesen Krieg an Jahrestagen wachhalten, so tun wir das nicht aus Nostalgie, sondern weil aus diesem furchtbaren Verbrechen eine bleibende moralische und politische Verpflichtung entstanden ist. Wir, die Nachgeborenen in einem demokratischen Deutschland, dürfen nicht zulassen, dass Unrecht und Gewalt, dass Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit jemals wieder eine Chance haben.

In den Jahren 2004 und 2005 habe ich als Bundeskanzler an einer Vielzahl besonderer Gedenkveranstaltungen teilgenommen, etwa am 60. Jahrestag des D-Days, also der Landung der Alliierten in der Normandie, an den Gedenkfeiern zur Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald und für die Opfer des Aufstands der nationalpolnischen Heimatarmee in Warschau sowie nicht zuletzt an der Parade, mit der in Moskau das offizielle Kriegsende gefeiert wurde. Damals, vor 15 Jahren, lebten noch mehr Zeitzeugen des Krieges als heute. Für einige von ihnen und für Teile der politischen Klasse und der Medien in diesen Ländern war die Teilnahme eines deutschen Kanzlers an diesen Erinnerungen nicht selbstverständlich. Sehr deutlich wurde: Die Wunden waren noch nicht verheilt.

Deutschland kann und muss mehr Verantwortung übernehmen

Aber in den vergangenen 75 Jahren ist auch viel Positives erwachsen: die deutsch-französische Freundschaft, ein vereintes und freies Europa, die transatlantische Partnerschaft und die Aussöhnung mit Russland. Und daher sehe ich in der heutigen Krise, die geprägt ist durch die weltweite Ausbreitung des Corona-Virus, auch eine große Chance. Deutschland, wirtschaftlich und politisch das stärkste Land in der Mitte Europas, kann und muss eine noch größere Verantwortung übernehmen, um in dieser Zeit zu einem Zusammenwachsen unseres Kontinents beizutragen und – nicht zu vergessen – auch global den schwachen und besonders heimgesuchten Ländern zu helfen. Wir müssen diese Herausforderung jetzt gemeinsam meistern.

Vordringlich ist eine langfristige Hilfe für die notleidenden Nachbarstaaten und ihre Bevölkerung: Italien und Spanien sind von dieser Pandemie unverschuldet mit besonderer Härte getroffen worden. Die Folgen sind verheerend. Wenn es ein Land gibt, das für den paneuropäischen Wiederaufbau nach einer existenziellen Krise Verständnis haben sollte, dann ist es doch Deutschland: Uns wurde nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf die Beine geholfen, obwohl wir Verursacher dieses Furors waren.

In dieser Zeit, geprägt durch Egoismen und einer Rückkehr des Nationalismus, mahnt uns dieser 75. Jahrestag, aus den Erfahrungen der Vergangenheit für das Heute zu lernen. Wir sollten Barrieren überwinden, Feindschaften ruhen lassen und Partnerschaften ausbauen. Denn nur gemeinsam werden wir die nun auf uns zukommende ökonomische Krise bewältigen können. Die USA sind und bleiben natürlich ein wichtiger Partner, auch wenn der gegenwärtige Präsident eine Belastung für die internationalen Beziehungen ist.

Zusammenarbeit mit Russland und China vertiefen

Wir müssen aber auch mit anderen Staaten unsere Zusammenarbeit vertiefen. Russland ist nicht nur aus politischen Gründen ein wichtiger Partner für Europa. Wir benötigen die Rohstoffe, über die das Land in großen Mengen verfügt. Das betrifft vor allem die Seltenen Erden, aber ebenso Erdgas und Erdöl, die wir in den nächsten Jahrzehnten brauchen, bis im Jahr 2050 eine klimaneutrale europäische Wirtschaft erreicht ist. Zudem ist Russland ein wichtiger Markt für technologischen Produkte aus Europa. Es ist also an der Zeit, dass wir uns von den Sanktionen gegen das Land verabschieden. Diese Sanktionen wirken nicht. Sie sind ein leeres, aber für beide Seiten schädliches Symbol geworden. Das Gedenken an das Kriegsende erinnert daran, dass gerade wir Deutschen ein großes Interesse an guten Beziehungen zu Russland haben müssen.

Dies gilt auch für China. Europa darf sich nicht in einen Handelskonflikt, den die USA mit China führen, hineinziehen lassen. Das wäre ein schwerer Fehler, aus wirtschaftlichen wie aus politischen Gründen. Natürlich muss Europa seine Autarkie sicherstellen, etwa bei Schutzausrüstungen im Gesundheitswesen. Auch müssen wir im Bereich der digitalen Sicherheit und beim Schutz des geistigen Eigentums unsere Interessen wahren. Dies spricht aber nicht gegen eine engere Zusammenarbeit mit China und seinen Technologieunternehmen. Wir sollten uns nicht abschotten, sondern diese Investments zum gegenseitigen Nutzen zulassen. Das gilt auch für den Ausbau des 5G-Mobilfunkstandards. Es ist nun wichtig zu einem Abschluss des Investitionsschutzabkommen zwischen EU und China zu kommen, damit gegenseitig faire Marktzugänge ermöglicht werden.

Diese Pandemie ist eine Herausforderung, die kein Land der Welt alleine meisten wird. Nur gemeinschaftlich können wir das Virus besiegen. Indem wir fundierte Erkenntnisse zu seinem Ursprung austauschen, Forschungsergebnisse über einen wirksamen Impfstoff teilen und ihn auch den ärmsten Staaten und ihren Bewohnern zugänglich machen. Ich hoffe und ich erwarte, dass diese weltumspannende Krise auch darüber hinaus zu einem Umdenken und zu der Erkenntnis führt, dass wir nur gemeinsam erfolgreich sein können – beim Kampf gegen die Corona-Pandemie, bei der Lösung des Klimawandels und bei der Bewältigung anderer globaler Probleme. Statt des wachsenden Willens zur Konfrontation brauchen wir in den internationalen Beziehungen mehr Kooperation. Das sollte uns dieser Jahrestag lehren.

Dieser Beitrag erschien am 05.05.2020 im sozialen Netzwerk LinkedIn (externer Link)

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