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SPD-Parteitag

Gerhard Schröder würdigt auf dem SPD-Parteitag in Berlin die im Jahr 2015 verstorbenen Egon Bahr, Günter Grass und Helmut Schmidt.

 

Lieber Sigmar! Liebe Genossinnen und Genossen!

Jede und jeder einzelne der Verstorbenen verdient es, hier gewürdigt zu werden. Sie alle haben sich für unsere gemeinsame Sache stark gemacht. Sie haben unserer Partei ihren Dienst erwiesen. Dafür sind wir ihnen allen sehr, sehr dankbar. Und dennoch sei es erlaubt, hier und heute, dreier großer Sozialdemokraten besonders zu gedenken: Egon Bahr, Günter Grass und Helmut Schmidt.

Als Sigmar Gabriel mich bat, diese Würdigung vorzunehmen, habe ich gerne zugesagt; denn als ehemaliger Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands ist es für mich eine große, eine besondere Ehre, diese drei großen Vertreter unserer Partei würdigen zu dürfen. Ich kannte sie mehr als 40 Jahre. Zunächst habe ich sie als Jungsozialist politisch begleitet – nicht immer ohne Kritik. Später haben sie mich politisch begleitet – auch nicht immer ohne Kritik. Darüber, liebe Genossinnen und Genossen, ist ein freundschaftliches Verhältnis entstanden, und manch gutes Gespräch in Berlin, in Hamburg, in Lübeck oder in Behlendorf ist mir in bester Erinnerung.

Liebe Genossinnen und Genossen, Günter Grass verstarb im April; er wurde 87 Jahre alt. Egon Bahr verstarb im August; er wurde 93 Jahre alt. Helmut Schmidt verstarb im November; er wurde 96 Jahre alt. Alle drei haben den größten Teil ihrer Lebenszeit im vergangenen Jahrhundert verbracht. Sie repräsentierten auf ihre jeweils ganz, ganz eigene Art unser Land, ein Land, das aus Widersprüchen und Brüchen hervorgegangen ist, ein Land, das in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch für Verfolgung und Vertreibung, für Krieg – ja: auch für Vernichtung – stand. Die drei haben das erlebt. Sie sind als junge Männer in den Krieg gezogen, und sie haben in den Abgrund geblickt. Am Ende waren sie geschlagen, aller Illusionen beraubt, aber auch entschlossen. “Nie wieder Krieg” wurde zu ihrer Maxime. Aus dieser Erfahrung sollte und musste etwas Neues entstehen, und so kämpften sie für ein friedliches, für ein freies, für ein soziales und gerechtes Deutschland. Sie haben ein Land mit aufgebaut und eine Demokratie mitgeformt, auf die sie stolz sein konnten und auf die wir stolz sein dürfen. Es ist unser Land.

Liebe Genossinnen und Genossen, Günter Grass wurde erst spät Mitglied unserer Partei und blieb es formal kaum mehr als ein Jahrzehnt. Und trotzdem: Er war immer einer von uns – im Geist, aber eben auch in der Tat. Diese Haltung führte ihn zur deutschen Sozialdemokratie, zu Willy Brandt, den er schätzte und verehrte und für den er kämpfte – mit Hingabe und Leidenschaft, so, wie viele in unserer Partei. Doch Günter Grass hat nicht nur für Willy Brandt geschrieben und getrommelt, sondern auch für andere, die seine Hilfe brauchten – auch für mich. Er war immer zur Stelle und brachte viele seines Standes mit. Auch und vor allem Günter Grass haben wir es zu verdanken, dass sich zwischen Kunst und Kultur auf der einen und der deutschen Sozialdemokratie auf der anderen Seite ein enges Vertrauensverhältnis entwickelte.

Es war unmittelbar nach dem Ende des Krieges, als Grass zusammen mit der “Gruppe 47” an die Spitze der Gesellschaftskritik rückte. Grassens moralischer und politischer Anspruch an die Literatur war groß, und er löste ihn 1959 mit der “Blechtrommel” brillant ein, einem gewaltigen Roman, der die deutsche Gesellschaft in Aufruhr versetzte. Meine Generation hat das sehr bewusst wahrgenommen; denn Wegsehen war für viele – wenn nicht für die meisten – damals Teil des Alltags. Die konsequente Verdrängung der Vergangenheit war ein erstaunliches, aber eben auch politisch gewolltes Phänomen. Mit lautem Trommelschlag hielt Günter Grass einem kulturell und moralisch ausgedörrten Land seinen Spiegel vor. Zu Recht hat er dafür 1999 den Literaturnobelpreis erhalten. Ich war damals sehr stolz auf ihn, und ich war glücklich für uns alle; denn er war für die Welt der Vertreter eines neuen, eines wirklich besseren Deutschlands.

Auch angetrieben durch ihn und seinesgleichen haben wir mit Rot-Grün an die Maxime von Willy Brandt, “Mehr Demokratie wagen”, anknüpfen können und unser Land erneuert: eine moderne Integrationspolitik, eine neue Familienpolitik, die Gleichstellung von Schwulen und Lesben, die Energiewende, die Förderung der Künste, der Bildung und der Kultur. Dieses Durchlüften einer erstarrten Gesellschaft hat Günter Grass gefallen. Darauf war er stolz, und er war stolz auf unser Nein zum Irakkrieg. In dem politisch zähen Kampf gegen diesen irrsinnigen Krieg, der so viele Opfer gekostet hat, hat er mich von Anfang an unterstützt – mit Worten, aber eben auch mit Taten. Günter Grass forderte nicht nur von sich, sondern von allen, die Kultur schaffen, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Nach seinen eigenen Verfehlungen und Verstrickungen im Nazideutschland hat er für die Demokratisierung der Republik gestritten und Großes dafür geleistet. Seine Stimme wird fehlen. Günter Grass war ein guter Deutscher und ein großer Sozialdemokrat im Herzen und im Geiste.

Liebe Genossinnen und Genossen, wie Günter Grass, so entstammte auch Egon Bahr einer Generation der um 1920 Geborenen, die nach den jugendlichen Irrungen in der Nazizeit das zerstörte Land nach 1945 wieder aufbauen mussten. In Etappen, sagte Egon, bildete sich sein politisches Bewusstsein heraus, seine Haltung, sein Lebensantrieb – auf dass Nationalsozialismus und Krieg niemals wieder eine Chance hätten. Diese Haltung führte ihn zur Sozialdemokratie. Die SPD Kurt Schumachers zog ihn an. Später wurde er – wir wissen es – der engste Weggefährte von Willy Brandt. Wandel durch Annäherung, Ostpolitik, Entspannungspolitik: Der eine drängte, der andere konzipierte. Zusammen setzten sie den großen Plan gegen erhebliche Widerstände um. Dabei riskierten sie viel, aber am Ende brachten sie die Völker Europas dem Frieden näher. Ohne ihren mutigen Einsatz hätten Ost und West kaum wieder zusammengefunden.

Der Ausgangspunkt im Denken von Egon Bahr hat mir immer imponiert. Da waren nicht nur der Pragmatismus und der Vorrang der Realpolitik, für den er stand, sondern da war vor allem die Fähigkeit, sich in die Denkweise des anderen hineinzuversetzen – auch dann, wenn dessen Haltung und Taten nicht den eigenen Maßstäben entsprachen. Von ihm konnte man lernen, dass man sich nicht davon abbringen lassen darf, das zu tun, was richtig und notwendig ist, und vor allem, dass Konflikte, so verfahren und starr sie auch sein mögen, durch kluge Politik lösbar sind. Mit diesem Denken hat Egon Bahr die deutsche und die europäische Außen- und Sicherheitspolitik wesentlich mitgestaltet. Sein Vermächtnis ist eine Verpflichtung für alle, die heute politisch Verantwortung tragen, durch eine Politik der Zusammenarbeit, der Vertrauensbildung und der Entspannung für Frieden, Stabilität und Sicherheit zu sorgen. Wenn wir auf die Besorgnis erregenden Konflikte in und um Europa blicken, sollten wir uns an ihn erinnern und sollten wir Frank-Walter Steinmeier mit aller Kraft unterstützen, in der Tradition dieser Politik zu handeln. Der Denker und Stratege Egon Bahr war ein Glücksfall für die deutsche Sozialdemokratie, aber eben auch für unser Land und für unseren Kontinent.

Liebe Genossinnen und Genossen, der Dritte aus dieser Generation, um den wir trauern, ist Helmut Schmidt. Er war ein wahrlich großer Kanzler, der Deutschland in der Welt zu einem geachteten, verlässlichen Partner gemacht hat. Helmut Schmidt hat unsere Partei zu zwei großen Wahlsiegen geführt: 1976 und 1980. Er hat sie als eine Partei der wirtschaftlichen Kompetenz in der Mitte der Gesellschaft verankert. Das war eine Grundlage für unseren Erfolg. Das ist das, was Sigmar Gabriel jetzt versucht und wofür er jede Unterstützung braucht. Auch außenpolitisch war er ein Mann der Tat – hart, wo die Umstände es verlangten, aber stets offen für den Dialog und für den Kompromiss. Nur so war für ihn ein Ausgleich unterschiedlicher Interessen möglich. Mit dieser Grundhaltung ist es ihm gelungen, Europa dem Frieden und Deutschland der Wiedervereinigung wahrlich näher zu bringen.

Helmut Schmidt hat in schwierigen Zeiten geführt. Das Wort „Führung“ benutze ich in seinem Fall im besten Sinne des Wortes. Er gab die Richtung vor, er gab uns Orientierung und vermittelte uns auf diese Weise Sicherheit. Nie hat er gezögert. Immer hat er schnell, entschlossen und vor allem verantwortungsvoll gehandelt. Stets war er sich der Tragweite seines Handelns bewusst. Am Ende war ihm klar, dass er als Kanzler allein die politischen und moralischen Konsequenzen seines Tuns zu tragen hatte. Er trug sie auch, als im deutschen Herbst vor fast 40 Jahren viele Menschen dem Terror der RAF zum Opfer fielen – eine für ihn persönlich sehr belastende Situation. Er trug sie, als er den sogenannten NATO-Doppelbeschluss durchsetzen musste und dabei auf erhebliche Widerstände stieß. Diese Position wurde von großen Teilen der Gesellschaft, aber auch von unserer Partei – ich schließe mich dabei ein – nicht mitgetragen. Er war aber bereit, für das Notwendige die Macht zu opfern; denn er war bereit, das Wohl des Landes über das Wohl der Partei zu stellen – eine schwierige, eine mutige, im Ergebnis eine richtige Entscheidung, aber eben auch eine Entscheidung, die einsam macht. Helmut Schmidt war ein großer Deutscher, ein wirklicher Europäer, ein beeindruckender Staatsmann und ein großartiger Mensch. In seinem Sinne sagen wir das ohne Pathos, aber mit Respekt, Anerkennung und aus Dankbarkeit.

Liebe Genossinnen und Genossen, Günter Grass, Egon Bahr, Helmut Schmidt – drei große Deutsche, in deren Lebensläufen sich die Geschichte unseres Landes konzentriert. Ihr Antrieb lautete: Ohne Frieden ist alles nichts! – Diese Maxime bestimmte ihr Handeln, und sie ist ihr Vermächtnis. Sie rufen uns in Erinnerung, wofür wir Sozialdemokraten stehen: für Frieden, für Freiheit und für Gerechtigkeit. Wir sind dankbar dafür, was sie für unsere Partei und für unser Land geleistet haben. Wir verbeugen uns vor großen Sozialdemokraten, deren Gedanken und Ideen uns begleiten werden. Ihr Tod ruft uns in Erinnerung, was uns Sozialdemokraten im Kern zusammenhält und was uns von anderen unterscheidet. Lasst uns das nicht vergessen. Denn es gibt uns und vor allem euch die Kraft für alles, was zu tun ist. – Ich danke euch.

 

Weitere Informationen zum SPD-Parteitag 2015 finden Sie auf den SPD-Seiten (externer Link)

 

 

Nachruf Günter Grass

Günter Grass im Gespräch mit Gerhard Schröder (Foto: Dominik Butzmann)

Günter Grass im Gespräch mit Gerhard Schröder (Foto: Dominik Butzmann)

»Günter Grass war ein sehr politischer Kopf, ein gesellschaftskritischer Künstler, ein unbequemer Zeitgenosse, der die Bruchstellen der deutschen Geschichte immer wieder offenlegte.« Gerhard Schröder würdigt in einem Nachruf in der BILD-Zeitung den verstorbenen Schriftsteller und Nobelpreisträger Günter Grass.

 

»Mit Günter Grass verliert Deutschland den größten deutschen Schriftsteller unserer Zeit. Und ich verliere einen väterlichen Freund, der mir mehr als drei Jahrzehnte lang ein kluger Gesprächspartner, aber vor allem ein kritischer Ratgeber war. Seine Unbeugsamkeit, sein Mut, sein Sinn für Gerechtigkeit und seine Klugheit haben mich von Anfang an beeindruckt.

Erstmals bin ich Günter Grass Anfang der achtziger Jahre begegnet. Zusammen mit Willy Brandt sowie vielen anderen Künstlern war er 1985  ins niedersächsische Wendland gekommen, um mich in meinem ersten Wahlkampf zu unterstützen. Seine Worte von  damals habe ich nie vergessen: Der Kandidat – also ich – habe noch viel zu lernen. Womit er nicht Unrecht hatte.

Später als Bundeskanzler lag mir sehr an seiner Einschätzung und seinem Rat, auch an seiner Kritik. Und so besuchte ich ihn in seinem Haus in Schleswig-Holstein und lud ihn oft zu Gesprächen ins Kanzleramt ein. Günter Grass war ein kluger Beobachter und konnte messerscharf analysieren. Wir waren nicht immer einer Meinung, aber die Auseinandersetzungen mit ihm waren ein intellektuelles Vergnügen. Auf die Weise hat er mich herausgefordert, meine Argumente zu schärfen.

Einmal jedoch waren wir uns von Beginn an einig, und zwar in den Jahren 2002 und 2003 in der Bewertung des damals drohenden Irak-Krieges. Die von mir geführte Bundesregierung lehnte eine militärische Intervention im Irak ab. Und wir hatten zahlreiche plausible Gründe dafür. Mir wurde aber vorgeworfen, mit meinem Nein zum Irak-Krieg die Freundschaft mit den USA und das westliche Bündnis aufs Spiel zu setzen.

In dieser schwierigen Zeit stärkten mir viele Kulturschaffende den Rücken. Ich erinnere mich noch gut an die Gespräche im Kanzleramt, bei denen Günter Grass immer dabei war. Einmal eröffnete er unsere Diskussion mit einem Zitat aus einem Gedicht von Matthias Claudius:

„‘s ist Krieg! ‚s ist Krieg! O Gottes Engel wehre,

Und rede du darein!

‚s ist leider Krieg – und ich begehre

Nicht schuld daran zu sein!“

Ich habe diese Zeilen, die Grass eindringlich vortrug, seitdem nie vergessen.

Günter Grass war ein sehr politischer Kopf, ein gesellschaftskritischer Künstler, ein unbequemer Zeitgenosse, der die Bruchstellen der deutschen Geschichte immer wieder offenlegte. So lassen sich seine gesellschaftskritischen Romane und Erzählungen auch als Diagnosen seiner und unserer Zeit begreifen. Mit ihnen kämpfte er gegen das weit verbreitete Verdrängen in der Nachkriegsgesellschaft. So hat er mit seinem Roman „Die Blechtrommel“ dem Land den Spiegel vorgehalten.

Günter Grass hat mit seinem Werk wichtige Debatten in Deutschland angestoßen. Dabei hat er heftige Kritik ertragen müssen, die er als sehr verletzend empfand. Und oft war diese Kritik auch ungerechtfertigt. Manch Urteil der Medien, die voreilig über ihn den Stab brachen, hat ihn zutiefst enttäuscht.

Dabei hat Grass sich selbst nicht geschont. Er hat sich nicht gescheut, sein eigenes Handeln im nationalsozialistischen Deutschland herauszustellen. Es ging ihm um ein Schuldeingeständnis für viele Versäumnisse, aber auch um die Übernahme von Verantwortung. Das eigene Versagen sollte nicht vergessen werden, sondern als mahnendes Beispiel dienen.

Insgesamt hat kein anderes Lebenswerk der deutschen Nachkriegsliteratur in gleichem Maße weltweite Anerkennung gefunden. Die Verleihung des Literatur-Nobelpreises 1999 ist dafür der herausragende Beleg.

Günter Grass hat uns ein großartiges literarisches Werk hinterlassen. Und er hat einen wichtigen gesellschaftspolitischen Beitrag zur Selbstvergewisserung einer Nation und zum Umgang mit unserer Geschichte geleistet. Dafür sind wir ihm zutiefst dankbar.«

 

Quelle: BILD-Zeitung, 14. April 2015

 

50 Jahre „Die Blechtrommel“

»Allein die Tatsache, dass wir heute den 50sten Geburtstag der Blechtrommel feiern zeigt, wie sehr dieser Roman Teil unseres kollektiven Gedächtnisses geworden ist. Er hat mindestens eine ganze Generation in ihrer Sozialisation geprägt.« Rede von Gerhard Schröder anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Ein Buch schreibt Geschichte. 50 Jahre Die Blechtrommel“ in Lübeck.

 

Auszüge aus der Rede:

 

»Wir schreiben das Jahr 1956. Günter Grass lebt seit kurzem in Paris und arbeitet am Manuskript der Blechtrommel. Womöglich braucht er diese räumliche Distanz, um 30 Jahre deutscher Zeitgeschichte literarisch zu fassen. Denn sein Blick richtet sich auf Deutschland, und nicht nur auf Danzig, auch wenn sich der öffentliche Eindruck verfestigt hat, dass der Roman hauptsächlich in dieser Stadt spielen würde. Nein, über weite Strecken ist Düsseldorf Schauplatz. Es ist die Welt der rheinischen Restauration der Nachkriegszeit, die Oskar Matzerath entlarven wird.

Versetzen wir uns in das Jahr 1956 in Deutschland. Womit unterhalten sich die Menschen? Welche Filme sehen die Deutschen? Welche Musik spiegelt den Massengeschmack? Dieses sind Indikatoren, die auf den seelischen und moralischen Zustand eines Volkes verweisen können. Im Kino starten 1956 folgende Filme: Schwarzwaldmelodie, Wo der Wildbach rauscht, Die Geierwally, Die drei von der Tankstelle, Dort oben, wo die Alpen glühn, Sissi die junge Kaiserin, Hochzeit auf Immenhof, Die Christel von der Post. Die Jahreshitparade verzeichnet auf den oberen Plätzen Freddie Quinn mit „Heimweh“, Peter Alexander mit „Der Mond hält seine Wacht“ und Caterina Valente: „Es ist so schön bei dir“. Im Bayerischen Rundfunk wird der erste Werbespot ausgestrahlt. Beworben wird das Waschmittel Persil. Mit Beppo Brem und Lisl Karstadt. Auf der Frankfurter Funkausstellung wird die erste Sendung „Zum blauen Bock“ präsentiert.

Soweit der kulturelle Massengeschmack in Deutschland. Und nun zum Vergleich Italien: Die italienischen Filmemacher wie Roberto Rossellini und Vittoria De Sica nutzen den Film als politisches Instrument und verdienen sich damit national wie international Anerkennung. Sie setzen sich mit dem Faschismus auseinander und zeichnen in realistischer Manier die desolaten wirtschaftlichen und sozialen Zustände in Italien.

Deutschland aber war bekanntlich weit entfernt von einer Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, wie die eben zitierten Beispiele der Massenkultur zeigen. Alle Kraft floss in einen beispiellosen Wiederaufbau eines zerstörten Landes, mit dem eine kollektive Verdrängung der historischen und moralischen Schuld einherging. Die Fragen der Kinder an die Eltern nach dem „Warum“ und „Was habt ihr zwischen ´33 und ´45 gemacht?“ blieben lange Zeit unbeantwortet. Die restaurativen Kräfte gaben den Ton an. Wegsehen war Teil des Alltags. Die konsequente Verdrängung der Vergangenheit, die fast zwei Jahrzehnte hielt, war ein erstaunliches, aber auch politisch gewolltes Phänomen.

Und in diese Stimmungslage platzte 1959 Oskar Matzerath mit lautem Trommelschlag. Mit dem Blick von unten und einer entwaffnenden Unbefangenheit entkleidet er die Erwachsenen aller Würde. Er entlarvt, kennt keine Tabus, weder vor den Menschen noch vor Gott. Und vor allem kennt dieser kleinwüchsige Held keine sexuellen Schranken. Dies war es, was das deutsche Publikum aus der Fassung brachte. Wegen des Vorwurfs der Pornografie wurde Günter Grass 1959 der Bremer Literaturpreis durch den Senat der Stadt verweigert. Und der Publizist Kurt Georg Ziesel erstritt sich 1968 das Recht, Grass „öffentlich als Verfasser übelster pornografischer Ferkeleien“ zu bezeichnen.

Viele lasen damals nur die sogenannten „Stellen“ und waren angeblich entsetzt über drastische Sexszenen, Aale in einem Pferdekopf, Brausepulver mit der Spucke des minderjährigen Oskar im Bauchnabel von Maria, die bei diesem Spiel schließlich schwanger wird. Sicher hatte die Empörung über vermeintlich Pornografisches große entlastende Wirkung. Zumindest musste man sich dann nicht mit den politisch entlarvenden Teilen des Buches auseinander setzen. Und die gibt es in Fülle, auch wenn das Buch natürlich keine illustrierte Faschismustheorie ist.

Der Roman sagt viel aus über den Zustand der deutschen Gesellschaft der 50er Jahre. Und die Rezeption des Romans in Deutschland tut es erst recht. Eine meiner Lieblingsepisoden ist das Kapitel „Im Zwiebelkeller“. In diesem Nachtlokal im Souterrain von Düsseldorf treffen sich 1950 alle, die etwas auf sich halten: Die bessere Gesellschaft der Stadt – mit ihren Eheproblemen und gepeinigten Gewissen, ihren Schwierigkeiten mit den Kindern, denen die Vergangenheit der Väter nicht passte. Hier will man seinem Herzen Luft machen, frei von der Leber wegreden. Um diesen Prozess zu befördern und Verklemmungen zu lösen, bekommt jeder Gast eine Zwiebel, die er enthäuten und schneiden muss.

Und nun erlauben Sie mir, eine kleine Passage aus diesem wunderbaren Kapitel zu zitieren: „Manche schaffen es nie zu weinen, besonders während der letzten Jahrzehnte, deshalb wird unser Jahrhundert später einmal das tränenlose Jahrhundert genannt werden. Aus diesem tränenlosen Grunde gingen Leute, die es sich leisten konnten, in den Zwiebelkeller. Ließen sich ein Hackbrettchen, ein Küchenmesser und eine Küchenzwiebel servieren, bis der Saft es schaffte, was die Welt und das Leid dieser Welt nicht schafften: Die runde menschliche Träne. Da wurde hemmungslos geweint. Die Zwiebel entlockte ihnen Offenbarungen, Selbstanklagen, Beichten, Enthüllungen, Geständnisse.“

Nun ist der Boden für den Auftritt des garstigen Oskar Matzerath bereitet. Er trommelt „die zur wahren Orgie unfähige Nachkriegsgesellschaft“ in Ekstase und bringt die Gäste dazu, einem Kleinstkindbedürfnis nachzugeben und sich selbst vollständig – einzunässen. Die Orgie nimmt ihren Lauf. Ich zitiere weiter: „Unter einem frischen Frühlingsnachthimmel des Jahres 1950 entließ ich die Damen und Herren, die lange noch in der Altstadt kindlichen Unfug anstellten, nicht nach Hause fanden, bis Polizisten ihnen wieder zu Alter, Würde und zur Erinnerung an die eigene Telefonnummer verhalfen.“ Zitat Ende

Diese Episode ist eine großartige Zeitsatire voller gesellschaftspolitischer und zeitgeschichtlicher Anspielungen. Die gute Gesellschaft wird in den totalen Infantilismus geführt. Meisterhaft erzählt, mit wunderbaren Details. Ein surrealer Zerrspiegel, den Oskar der Gesellschaft vorhält. Und zugleich ein außergewöhnlicher Lesegenuss!

Lieber Günter, mit der Blechtrommel hast du nicht nur dem Roman zur Wiedergeburt verholfen, wie die Fachleute sagen, du hast damit die Basis für deinen späteren Literaturnobelpreis gelegt. 15 Jahre nach Ende der Barbarei in Deutschland hast du mit der Blechtrommel gezeigt, dass nicht nur der Tod ein Meister aus Deutschland ist. Einem kulturell und moralisch ausgedörrten Land hast du den Spiegel vorgehalten. Was anfangs als Skandal aufgefasst wurde, ist heute ein großartiges Stück deutscher Weltliteratur.

Allein die Tatsache, dass wir heute den 50sten Geburtstag der Blechtrommel feiern zeigt, wie sehr dieser Roman Teil unseres kollektiven Gedächtnisses geworden ist. Er hat mindestens eine ganze Generation in ihrer Sozialisation geprägt. Und dafür sind wir dir von Herzen dankbar, lieber Günter. Deinen Roman zu würdigen, habe ich mich gerne bereit erklärt. Aber bitte, liebes Publikum, erwarte nicht von mir eine Würdigung des Autors. Die bekommt er erst in 8 Jahren, wenn er seinen 90. Geburtstag hier feiert.

Was ich aber in diesem Zusammenhang unbedingt hervorheben möchte, ist die Arbeit und die gesellschaftliche Verantwortung der Künstler und Kulturschaffenden. Die Blechtrommel und die Rezeption des Romans in Deutschland sind ein Lehrstück über die gesellschaftspolitische Rolle des Künstlers, ob er bzw. sie will oder nicht. Der Schriftsteller bedient sich aus der Stofffülle der Wirklichkeit, beeinflusst diese aber auch. Die Menschen und ihre Geschichten bilden seinen Resonanzboden. Dieser Zusammenhang bringt mich dazu, die Kulturschaffenden zu ermuntern, sich nicht nur der Geschichten des Lebens zu bedienen, sondern nicht nachzulassen, sich in das Leben selbst einzumischen.

Denn nicht immer ist das Klima für die Kunst gut und gedeihlich. Für die Kunst sind Freiheit und offene Gesellschaften  elementar. Genießen die Künste Schutz und Schirm durch den Staat, mags ihnen gefallen und gut bekommen. Und im Gegenzug den Politikern natürlich auch. Den besten Fall haben wir, wenn das Verständnis füreinander ausgeprägt ist. Solche Phasen gibt es, dazu bedarf es aber eines engen Austausches.

Zu meiner Zeit als Bundeskanzler haben wir diesen Diskurs gepflegt. Und ich glaube, der Kunst ist es in diesen sieben rot-grünen Regierungsjahren nicht so schlecht ergangen. Wir haben das Land geöffnet, den Mief der Kohl-Jahre vertrieben und Deutschland moderner gemacht. Zuwanderung, Integration und Staatsbürgerschaft wurden neu geregelt, gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften enttabuisiert und rechtlich gleichgestellt. Deutschlands Rolle in der Welt als Friedensmacht neu definiert. Dieses Maß an gesellschaftlicher Öffnung, das Rot-Grün schaffen konnte, war und ist nur möglich, weil die Verkrustungen und Verklemmungen des Nachkriegsdeutschlands in den 60er und 70er Jahren systematisch aufgebrochen wurden. Und es sei mir erlaubt, anzumerken: Sozialdemokraten hatten hierbei einen maßgeblichen Anteil.

Nun kann es sein, dass es einmal politische Konstellationen gibt, wo Uhren angehalten oder zurückgedreht werden. Soweit solche Prozesse politisch legitimiert sind, kann man diesen Zustand bedauern, aber nicht gewaltsam stoppen. Und deshalb ist an genau dieser Stelle die Kultur selbst aufgerufen sich einzumischen. Schicken Sie dann bitte den Trommler Oskar ins Feld oder erheben Sie am besten selbst Ihre Stimme.«

 

Quelle: Auszug aus dem Manuskript der Rede von Bundeskanzler a.D. Gerhard Schröder anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Ein Buch schreibt Geschichte. 50 Jahre Die Blechtrommel“ am Sonntag, 13. September 2009 in Lübeck (Günter Grass-Haus)

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