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Helmut Kohl

»Mit dem Tod von Helmut Kohl hat unser Land einen großen Patrioten und Europäer verloren. Als sein Nachfolger im Amt des Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland hatte ich stets für seine historische Leistung größten Respekt – auch wenn wir einen Wahlkampf gegeneinander geführt haben und in vielen politischen Fragen auseinanderlagen. Die Einigung unseres Landes und unseres ganzen Kontinents bleiben auf alle Zeit auch mit dem Namen von Helmut Kohl verbunden. Und die berechtigte Kritik an Verfehlungen und Verstößen gegen das Gesetz sollten dieses historische Verdienst nicht verdecken.

Wir haben im Bundestagswahlkampf 1998 hart miteinander gefochten; aber mir war immer wichtig, dass sein politisches Lebenswerk dabei nicht beschädigt wird. Der SPD-Slogan „Danke, Helmut Kohl, es reicht“ sollte ja zweierlei zum Ausdruck bringen: Wir respektierten über Parteigrenzen hinweg die Leistungen dieses Mannes, aber es war nun die Zeit für einen Wechsel gekommen. Denn in der Wirtschafts-, Sozial- und Gesellschaftspolitik war – auch bedingt durch die Folgen des Einigungsprozesses – der Reformdruck groß, zu groß geworden. Das Wahlergebnis, das für ihn den Machtverlust zur Folge hatte, bestätigte diese Sichtweise.

Nachdem ich das Amt des Bundeskanzlers übernommen hatte, stand daher im Inneren eine Politik der Reformen und der Öffnung im Mittelpunkt: In Wirtschaft und auf dem Arbeitsmarkt, bei Rente und Gesundheit, in der Kultur- und Integrationspolitik. Hier musste Deutschland sich auf die Erfordernisse des 21. Jahrhunderts einstellen. In der Europa- und Außenpolitik jedoch konnte und wollte ich in der Kontinuität von Helmut Kohl weiterarbeiten, denn es galt mit der Erweiterung der Europäischen Union um die osteuropäischen Staaten die unheilvolle Spaltung des Kontinents endgültig zu überwinden.

Die Beitrittsverhandlungen, die während seiner Kanzlerschaft im Jahr 1997 begonnen hatten, wurden von mir auf dem Kopenhagener EU-Gipfel im Jahr 2002 zum Abschluss gebracht. Am 1. Mai 2004 kehrten die osteuropäischen Staaten – für uns Deutsche besonders wichtig: Polen – in die europäische Familie zurück. Ein Tag, an dem nicht nur ich als Bundeskanzler stolz war, sondern an dem auch Helmut Kohl von einer Glücksstunde sprach und sich wünschte, dass wir Europäer trotz aller Probleme nicht die politischen Visionen vergessen.

Dieses gemeinsame Europa als ein Ort des Friedens, der Stabilität und des Wohlstandes war ihm ein Herzensanliegen. Und deswegen waren für ihn – auf der Grundlage der transatlantischen Partnerschaft – die Beziehungen zu zwei Völkern von besonderer Bedeutung: zu Franzosen und Russen. Ihm war immer bewusst, dass die deutsch-französische Freundschaft und die deutsch-russische Partnerschaft die Basis für Frieden auf unserem ganzen Kontinent sind. Eine Lehre der Geschichte aus Jahrhunderten gegenseitiger Rivalitäten und Kriege. Eine Lehre, die wir auch heute nicht vergessen sollten.

Helmut Kohls Beziehungen zu Russland und Frankreich war zudem geprägt durch seine Freundschaften zu Michail Gorbatschow, Boris Jelzin und François Mitterrand. Und hier wird deutlich, welchen Wert Freundschaften in der Politik haben können. Auch ich kenne dies aus meiner Amtszeit, denn mit den Präsidenten Jacques Chirac und Wladimir Putin habe ich gerade in der Zeit des Irakkriegs eng zusammengearbeitet. Auch die Osterweiterungen der Nato und der EU waren dadurch leichter zu erreichen. Helmut Kohl konnte in der schwierigen Phase 1989/1990, als es Widerstände gegen die Deutsche Einheit zu überwinden galt, auf die durch persönliche Freundschaften entstandene Vertrauensbasis setzen. Dieses Vertrauen war nicht Voraussetzung für die Einheit, aber es erleichterte das Finden von Kompromissen und Lösungen.

Was Deutschlands Verhältnis zu Frankreich betraf, gab Helmut Kohl mir auf den Weg, „die Trikolore immer zweimal zu grüßen“; also besonderen Respekt vor der Geschichte und der Bedeutung unseres wichtigsten Nachbarn im Westen zu zeigen. Und im Verhältnis zu Russland mahnte er, nie die Gefühle und Ängste dieses im Zweiten Weltkrieg überfallenen und im Kalten Krieg geschlagenen Landes zu vergessen.

Seine Vision eines geeinten Europas hat sich noch lange nicht erfüllt. Als Helmut Kohl zusammen mit Mitterrand die gemeinsame Währung schuf, hatte er die politische Einheit als nächste Etappe vor Augen. Sie endgültig zu schaffen, ist bis heute nicht gelungen. Viele Europäer schauen mit Skepsis auf die Zukunft unseres Kontinents. Aber der Weg zur europäischen Einigung war immer von Rückschlägen gekennzeichnet. Helmut Kohl hat in den letzten Monaten seines Lebens öffentlich aufgerufen, das Ziel eines vereinten Europas aller Völker nie aufzugeben. Sein Vermächtnis bleibt eine Verpflichtung für die Handelnden von heute und morgen.«

 

Der Nachruf erschien am 16. Juni 2017 bei Spiegel Online.

 

 

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