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Biographie „Helmut Schmidt – Die späten Jahre“

»Der Autor beschreibt, dass es mehr als 20 Jahre dauerte, bis Helmut Schmidt mit seiner Partei einigermaßen ausgesöhnt war. Seit dem Ende meiner Amtszeit sind immerhin schon 11 Jahre rum. Es besteht also Hoffnung für mich und die SPD«

Gerhard Schröder (SPD) stellt im Willy-Brandt-Haus in Berlin die Biographie „Helmut Schmidt – Die späten Jahre“ vor:

 

»Es ist mir eine Freude, nein, ich will sagen, ein Vergnügen, dieses biographische Werk über Helmut Schmidt vorzustellen. Und der Verlag hat sicherlich nicht ohne Hintersinn als Ort das Willy-Brandt-Haus und als Kulisse diese wundervolle, von Rainer Fetting geschaffene Statue gewählt. Brandt und Schmidt, zwei große sozialdemokratische Kanzler, aber auch zwei innerparteiliche Konkurrenten, die sich mit Respekt begegnet sind und in späteren Jahren wieder zu einer Aussöhnung fanden.

Dieses Buch beschreibt die späten Jahre von Helmut Schmidt, die Zeit des Altkanzlers, also die Jahre von 1982 bis 2015. Allein das ist schon eine historische Dimension. Es eröffnet einen wichtigen Zugang, um diese große politische Persönlichkeit besser verstehen zu können, auch um die Verehrung nachzuvollziehen, die in seinen ganz späten Jahren beinahe zum Kult wurde.

Es ist sicherlich ein Glücksfall, dass mit Thomas Karlauf ein Autor am Werk ist, der Helmut Schmidt in den vergangenen drei Jahrzehnten nahe gekommen ist und das Vertrauen des Altkanzlers besaß. Er war sein Lektor und ein geschätzter Gesprächspartner von Loki und Helmut Schmidt in Hamburg. Welches Vertrauen Helmut Schmidt in Karlauf setzte, ist daran zu erkennen, dass er ihm noch zu Lebzeiten uneingeschränkten Zugang zu seinen Unterlagen gewährte.

Man ist als Kanzler natürlich gewöhnt, dass jedes Blatt mehrfach gewendet wird, dass das eigene Leben bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet wird. Aber dennoch gehört viel Vertrauen dazu, den Zugang zu privatestem Material zu erlauben. Und dieses Vertrauen darf nicht enttäuscht werden. Thomas Karlauf nähert sich dem Menschen und der Persönlichkeit Schmidt durchaus mit Respekt. Er verschweigt aber weder dessen persönliche Schwächen und Fehleinschätzungen noch die Anfeindungen, denen sich Schmidt in seinem politischen Leben ausgesetzt sah. Das macht dieses Buch zu einem authentischen Werk über den Altkanzler.

Der Autor unterscheidet drei Phasen. Das erste Jahrzehnt, die „Jahre der Zurückhaltung“, wie er sie nennt. Das zweite Jahrzehnt, die „Jahre der Einmischung“. Und die Jahre 2003 bis 2015, die er als „Wege des Ruhms“ bezeichnet. Man erlebt also mit, wie Helmut Schmidt nach der Abwahl 1982 versucht, mit dem Machtverlust fertig zu werden. Wie schwer es ihm fällt, wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Karlauf beschreibt diesen schmerzhaften Prozess mit den Worten – Zitat -: „Was ihm fehlte, war ein wirklicher Auftrag, eine Aufgabe, die in die Zukunft wies.“ Zitat Ende.

Helmut Schmidt suchte diese Aufgaben – und fand sie in Vortragsreisen, die eine bekannte internationale Redneragentur organisierte. Er fand sie als Berater von Unternehmen, im Zirkel ehemaliger Staats- und Regierungschefs – dem Inter Action Council – und natürlich auch als Herausgeber der Wochenzeitung „Die   ZEIT“.  Der Spiegel schrieb 1983, ein Jahr nach seinem Abtritt: „Der Entzug der Macht bei gleichzeitigem Genuss von Ansehen – Würde statt Bürde, Ehre ohne Einfluss – ist die Erklärung für jene hektische Umtriebigkeit, die den fünften Kanzler der Republik von Ort zu Ort hetzt.“

Vielleicht muss man ein solches Amt wie das des Regierungschefs selbst inne gehabt haben, um dieses Verhalten des Altkanzlers Schmidt wirklich verstehen und Verständnis dafür entwickeln zu können. Wer von 100 auf Null abbremsen muss, braucht diese Geschäftigkeit, die Geltung verschafft, Einfluss sicherstellt und natürlich auch dem eigenen Ego schmeichelt, auch wenn sie keine Macht beinhaltet.

Für mich war Helmut Schmidt mit seinem Pragmatismus und seiner rhetorischen Brillanz ein ausschlaggebender Grund, 1963 der SPD beizutreten. In den bewegten 1970er Jahren haben wir manches Mal die ideologische Klinge gekreuzt. Und ich will gern einräumen, dass ich als junger Juso dabei in der Regel unterlag. In den Zeiten des Kalten Krieges gehörte es zu seinen Verdiensten als Bundeskanzler, dass er die „Nachrüstung“ im Rahmen des NATO-Doppelbeschlusses mit einem weitreichenden Verhandlungsangebot verbinden wollte. Bekanntlich wurde die Nachrüstung damals von großen Teilen der Gesellschaft, auch der SPD – mich selbst eingeschlossen – nicht mitgetragen. Aber im Rückblick betrachtet muss man eingestehen, dass Schmidts Position nicht falsch war.

In meiner Kanzlerzeit war Helmut Schmidt für mich ein wichtiger Gesprächspartner, dessen Rat ich geschätzt habe. Thomas Karlauf schreibt, dass das Verhältnis zwischen mir und Helmut Schmidt zu Beginn ein „Nicht-Verhältnis“ gewesen sei. Das will ich so nicht unterschreiben. Es war sicherlich am Anfang nicht von großer Nähe geprägt und hat sich erst entwickelt. Es musste sich auch erst entwickeln, denn wer in einem solchen Amt ist, weiß, was seine Vorgänger geleistet haben, welche physische und psychische Belastung sie aushalten mussten. Und er wird sich jeden Ratschlag dieses Mannes anhören, wenn auch nicht immer befolgen. Ich habe jeden Ratschlag von Helmut Schmidt ernst genommen. Die von Helmut Kohl, es waren wenige, im Übrigen auch.

Helmut Schmidt und ich waren nicht immer einer Meinung. Seine kritische Haltung zum Einsatz der Bundeswehr im Kosovo und in Afghanistan war und ist bekannt. Auch zum Thema Türkei und Zuwanderung hatten wir unterschiedliche Auffassungen. Aber es gab auch große Schnittmengen und Rückendeckung, vor allem in den schweren Monaten, als wir uns dem Krieg im Irak verweigerten. Und die Agenda 2010 hat er stärker befürwortet, als es der Autor vermuten lässt. Aber vor allem war unser Blick auf die Partnerschaften mit China und Russland sehr ähnlich. Das sind Positionen, die uns Kritik eingebracht haben, die aber durch Realismus und Pragmatismus geprägt waren bzw. sind.

Helmut Schmidt gehörte zu den ersten, die schon vor mehr als 50 Jahren den Aufstieg der Volksrepublik China vorhersahen. Er führte das Gespräch mit Mao Zedong und unterstütze später den historisch so bedeutsamen Öffnungsprozess von Deng Xiaoping. Und er mahnte, angesichts einer langen Geschichte der chinesischen Zivilisation auf westliche Überheblichkeit und Belehrungen zu verzichten. Mit seinen Beiträgen schuf er ein öffentliches Bewusstsein für die Bedeutung dieser aufstrebenden Nation. Aber zugleich gab es Kritik der veröffentlichten Meinung an seinen Positionen. Er grenze sich nicht genügend ab von der chinesischen Staatsführung und verhelfe ihr unnötigerweise zu Reputation, hieß es zum Beispiel. Er pflegte darauf in seiner hanseatisch kühlen Art zu antworten: „Die Deutschen neigen dazu, ihre Ideale für etwas Wirkliches zu halten.“ Eine Mahnung, die auch für die heutige Zeit gültig ist.

Mit großer Sorge, und das war auch Thema unserer letzten Gespräche, sah er die Entwicklung der europäisch-russischen Beziehungen. Vehement sprach er sich gegen die Aufnahme der Ukraine und Georgiens in die NATO aus. In einem Gespräch mit dem russischen Präsidenten, aus dem der Autor in seinem Buch zitiert, nannte er das Angebot der EU-Assoziierung an die Ukraine „Größenwahn“ und eine „törichte Herausforderung der Russen“. Schmidt sollte – leider – Recht behalten.

Kommen wir zum schönsten Kapitel von Helmut Schmidts Nachkanzlerzeit. Es ist die Phase der Verehrung, durch die SPD – die ihn nicht immer gut behandelt hat – und durch die deutsche Öffentlichkeit. Gerne möchte ich hier aus dem Buch zitieren, denn der Autor analysiert die Rolle von Helmut Schmidt zutreffend: „Schmidt äußerte sich zu aktuellen Themen, stellte durch Rückgriff auf eigene Erfahrungen einen Kontext her, der half, die Ereignisse zu entdramatisieren… Der Irakkrieg, der Kollaps der Finanzmärkte… oder zuletzt der Streit um die Krim: Keines dieser Probleme war in seinen Augen die Aufregung wert, die es verursachte. Alles schon dagewesen, gab er zu verstehen, man muss die Sache nur richtig angehen.“

„Weltsicht von erklärter Vorläufigkeit“ – so nannte das einer seiner besten Freunde, der verstorbene Schriftsteller Siegfried Lenz. Helmut Schmidt personifizierte das deutsche 20. Jahrhundert. Vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen mit der Kriegszeit, die in diesem Buch auch eine wichtige Rolle spielen, gestaltete und erklärte er Politik. Das war die Grundlage für sein beherztes Handeln in Zeiten existenzieller Krisen. Es sei nur an seine mutige einsame Entschlossenheit im Kampf gegen den Terror der RAF erinnert.

Und in seiner Zeit als Altkanzler nutzte er dieses Wissen, um scheinbar Unerklärliches in politische Zusammenhänge zu rücken und den Menschen damit Orientierung zu geben. Immer etwas augenzwinkernd, manchmal auch leicht schnoddrig-überheblich, aber immer mit einer Zigarette in der Hand. Helmut Schmidt war ein großer Deutscher und Europäer, ein beeindruckender Staatsmann und ein großartiger Mensch. Im Sinne Helmut Schmidts sage ich das ohne Pathos. Und dieses Buch ist ein wichtiger Beitrag, um Helmut Schmidt besser zu verstehen – nicht nur seine letzten Jahre, sondern seine Persönlichkeit insgesamt. Es ist wie ein fehlender Mosaikstein.

Und für mich persönlich hält das Buch durchaus auch einen kleinen Trost parat.  Der Autor beschreibt, dass es mehr als 20 Jahre dauerte, bis Helmut Schmidt mit seiner Partei einigermaßen ausgesöhnt war. Seit dem Ende meiner Amtszeit sind immerhin schon 11 Jahre rum. Es besteht also Hoffnung für mich und die SPD.«

 

Das Buch „HELMUT SCHMIDT – Die späten Jahre“ von Thomas Karlauf ist im Siedler Verlag erschienen. Weitere Informationen auf der Homepage des Verlages (externer Link).

 

 

 

 

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