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Hans Koschnick

Bundeskanzler a. D. beim Staatsakt für den verstorbenen Bremer Bürgermeister Hans Koschnick

Bundeskanzler a. D. beim Staatsakt für den verstorbenen Bremer Bürgermeister Hans Koschnick

»Die deutsche Sozialdemokratie nimmt heute Abschied von einem leidenschaftlichen Patrioten, einem überzeugten Internationalisten und einem großen Sozialdemokraten, von einem menschlichen und politischen Vorbild.« Gehard Schröder würdigt bei einer Gedenkfeier mit Staatsakt im Dom der Hansestadt Bremen den verstorbenen Bürgermeister Hans Koschnick. Dieser war von 1967 bis 1985 Präsident des Senats und Bürgermeister von Bremen. Zu der Gedenkfeier hatten sich im Dom rund 1.500 Bürger sowie Vertreter aus Politik, Gewerkschaften, Wirtschaft, Kultur sowie internationalen Institutionen und Vereinigungen aus dem In- und Ausland versammelt. 

 

Auszüge aus der Rede:

»Mit Hans Koschnick hat die SPD einen Ausnahmepolitiker verloren, der nicht nur in seiner Heimatstadt und seiner Partei bewundert, sondern über die Grenzen unseres Landes hinaus verehrt und respektiert wurde: Für seine Geradlinigkeit, seine Aufrichtigkeit und seinen Willen und die Fähigkeit zu versöhnen. Das Lebenswerk und die große Gabe von Hans Koschnick bestanden darin, Gegensätze zu überwinden, Versöhnung zu stiften und Gemeinsamkeiten zu stärken. In Bremen wie in Mostar, in Danzig wie in Haifa.

Hans war ein sozialer und ein überzeugter Demokrat, der stets Brücken baute und Wege ebnete, um Gegensätze in der Gesellschaft und historische Gegnerschaften zu überwinden. Diese herausragende Fähigkeit war der Grund, warum meine Regierung ihn 1998 zum Bosnien-Beauftragten der Bundesregierung ernannte. Er arbeitete beharrlich mit großem diplomatischen Geschick und ohne Eitelkeit. Immer für das große Ziel: für Frieden, für das Gemeinwesen und für den sozialen Zusammenhalt. Es war seine Überzeugung und es war seine Politik. Jeder, der ihn kannte, hat das gespürt. Seine Kraft, die aus tiefer Überzeugung kam, seine menschliche Wärme.

Immer war Hans Koschnick dabei ein im besten Sinne bodenständiger, ein nahbarer Mensch. Einer, der Gespräche unverstellt auf Augenhöhe führte und das nicht nur vorgab. Einer, der sich weder anbiederte noch auf andere herabsah. Einer, der Fehler, ja Scheitern eingestehen konnte und sich nicht hinter Phrasen oder falschem Pathos verschanzte. Einer, der Gefühle zeigte, wie man es von einem hanseatischen Bürgermeister nicht unbedingt erwarten darf. Nichts an ihm wirkte gekünstelt.

Hans verfügte über die Fähigkeit, vor allem aber über die Bereitschaft, sich auf die Sichtweise und die Motive des jeweils anderen einzulassen – auch in schwersten Situationen. Er sah die traumatisierten Menschen in Bosnien als Opfer eines grausamen Krieges, selbst als diese ihm nach dem Leben trachteten. Hans Koschnick wuchs so eine Größe zu, die über das nur Politische weit hinausreichte. Sie machte ihn zu einer Persönlichkeit, ja zu einer Instanz, die Orientierung gab und Vertrauen schenkte.

Es war diese Größe, die Hans Koschnick zu einem der populärsten und erfolgreichsten SPD-Politiker der Nachkriegszeit machte. Er war schon zu Lebzeiten eine sozialdemokratische Legende. 66 Jahre war er Mitglied unserer Partei. 21 Jahre lang, von 1970 bis 1991, gehörte er dem Bundesvorstand unserer Partei an. Und auch hier war er stets ein Vermittler zwischen den Flügeln unserer Partei und zwischen Persönlichkeiten wie Willy Brandt, Helmut Schmidt und Herbert Wehner. Der „rote Riese von Bremen“ – so hat ihn die Wochenzeitung DIE ZEIT einmal genannt – konnte sich der Zuneigung der Sozialdemokratie sicher sein und ihres tiefen Respekts.

Sein Werdegang vom Arbeiterkind zum jüngsten Minister, später zum jüngsten Regierungschef in einem Bundesland war ebenso beispiellos wie seine vielen fulminanten Wahlsiege. An Angeboten zum Wechsel in die Bundespolitik hat es nicht gefehlt. Doch Hans empfand sich als – wie er sagte – „ungemein wenig abkömmlich“, und blieb seinem geliebten Bremen treu.

Hans setzte Maßstäbe für seine SPD. Er formte sie während seiner Ära hier in Bremen zu einer modernen Volkspartei. Eine stolze Partei, in der sich Werftarbeiter und Professorin gleichermaßen politisch zuhause fühlen können. Die in allen Teilen der Stadt politische Mehrheiten gewann. Und die er liebte und verehrte, weil auch sie seine politische Heimat war, solange er lebte. Hans war Vorbild für eine ganze Generation Sozialdemokraten und ist es immer noch. Auch für mich, der ich Hans erlebte – schon als Juso-Bundesvorsitzender auf Parteitagen und bei persönlichen Begegnungen.

Hans Koschnick war ein leidenschaftlicher Lokalpatriot. Aber er war immer auch Europäer und Weltbürger. Wie in der deutschen ging es ihm auch in der internationalen Politik immer um Verständigung und darum, Gegensätze zu überwinden, jenseits aller historischen und ideologischen Gräben. Aus dieser Überzeugung heraus und immer im Bewusstsein um die Verantwortung, die aus der deutschen Vergangenheit erwuchs, setzte er sich leidenschaftlich ein für die Aussöhnung mit Polen und Israel.

Die Annäherung und die Versöhnung zwischen Ost und West lag ihm dabei auch später als Bundestagsabgeordneter ebenso am Herzen wie der Ausgleich zwischen Nord und Süd im Sinne von mehr globaler Gerechtigkeit. Es war eine Überzeugung, die ihn tief verband mit Willy Brandt, dessen Stellvertreter als Parteivorsitzender er lange Jahre war. Hans war einer, „den die Partei liebt“, schrieb Willy Brandt zu Hans Koschnicks Abschied als Bürgermeister 1985. Und niemand wusste besser als er, was dieser Satz bedeutete.

Hans hat seinen Platz in der Geschichte unseres Landes, unserer Partei sowieso, aber eben auch in unseren Herzen. Er wird uns mit seinem verschmitzten Lächeln in Erinnerung bleiben. Unsere Trauer und unser Mitgefühl kann Ihre Trauer, liebe Familie Koschnick, kaum lindern. Doch wir bleiben hier nicht mit leeren Händen zurück. Hans hat uns allen viel gegeben. Und das wird bleiben.«

 

 

 

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