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SPD-Parteitag

Gerhard Schröder würdigt auf dem SPD-Parteitag in Berlin die im Jahr 2015 verstorbenen Egon Bahr, Günter Grass und Helmut Schmidt.

 

Lieber Sigmar! Liebe Genossinnen und Genossen!

Jede und jeder einzelne der Verstorbenen verdient es, hier gewürdigt zu werden. Sie alle haben sich für unsere gemeinsame Sache stark gemacht. Sie haben unserer Partei ihren Dienst erwiesen. Dafür sind wir ihnen allen sehr, sehr dankbar. Und dennoch sei es erlaubt, hier und heute, dreier großer Sozialdemokraten besonders zu gedenken: Egon Bahr, Günter Grass und Helmut Schmidt.

Als Sigmar Gabriel mich bat, diese Würdigung vorzunehmen, habe ich gerne zugesagt; denn als ehemaliger Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands ist es für mich eine große, eine besondere Ehre, diese drei großen Vertreter unserer Partei würdigen zu dürfen. Ich kannte sie mehr als 40 Jahre. Zunächst habe ich sie als Jungsozialist politisch begleitet – nicht immer ohne Kritik. Später haben sie mich politisch begleitet – auch nicht immer ohne Kritik. Darüber, liebe Genossinnen und Genossen, ist ein freundschaftliches Verhältnis entstanden, und manch gutes Gespräch in Berlin, in Hamburg, in Lübeck oder in Behlendorf ist mir in bester Erinnerung.

Liebe Genossinnen und Genossen, Günter Grass verstarb im April; er wurde 87 Jahre alt. Egon Bahr verstarb im August; er wurde 93 Jahre alt. Helmut Schmidt verstarb im November; er wurde 96 Jahre alt. Alle drei haben den größten Teil ihrer Lebenszeit im vergangenen Jahrhundert verbracht. Sie repräsentierten auf ihre jeweils ganz, ganz eigene Art unser Land, ein Land, das aus Widersprüchen und Brüchen hervorgegangen ist, ein Land, das in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch für Verfolgung und Vertreibung, für Krieg – ja: auch für Vernichtung – stand. Die drei haben das erlebt. Sie sind als junge Männer in den Krieg gezogen, und sie haben in den Abgrund geblickt. Am Ende waren sie geschlagen, aller Illusionen beraubt, aber auch entschlossen. “Nie wieder Krieg” wurde zu ihrer Maxime. Aus dieser Erfahrung sollte und musste etwas Neues entstehen, und so kämpften sie für ein friedliches, für ein freies, für ein soziales und gerechtes Deutschland. Sie haben ein Land mit aufgebaut und eine Demokratie mitgeformt, auf die sie stolz sein konnten und auf die wir stolz sein dürfen. Es ist unser Land.

Liebe Genossinnen und Genossen, Günter Grass wurde erst spät Mitglied unserer Partei und blieb es formal kaum mehr als ein Jahrzehnt. Und trotzdem: Er war immer einer von uns – im Geist, aber eben auch in der Tat. Diese Haltung führte ihn zur deutschen Sozialdemokratie, zu Willy Brandt, den er schätzte und verehrte und für den er kämpfte – mit Hingabe und Leidenschaft, so, wie viele in unserer Partei. Doch Günter Grass hat nicht nur für Willy Brandt geschrieben und getrommelt, sondern auch für andere, die seine Hilfe brauchten – auch für mich. Er war immer zur Stelle und brachte viele seines Standes mit. Auch und vor allem Günter Grass haben wir es zu verdanken, dass sich zwischen Kunst und Kultur auf der einen und der deutschen Sozialdemokratie auf der anderen Seite ein enges Vertrauensverhältnis entwickelte.

Es war unmittelbar nach dem Ende des Krieges, als Grass zusammen mit der “Gruppe 47” an die Spitze der Gesellschaftskritik rückte. Grassens moralischer und politischer Anspruch an die Literatur war groß, und er löste ihn 1959 mit der “Blechtrommel” brillant ein, einem gewaltigen Roman, der die deutsche Gesellschaft in Aufruhr versetzte. Meine Generation hat das sehr bewusst wahrgenommen; denn Wegsehen war für viele – wenn nicht für die meisten – damals Teil des Alltags. Die konsequente Verdrängung der Vergangenheit war ein erstaunliches, aber eben auch politisch gewolltes Phänomen. Mit lautem Trommelschlag hielt Günter Grass einem kulturell und moralisch ausgedörrten Land seinen Spiegel vor. Zu Recht hat er dafür 1999 den Literaturnobelpreis erhalten. Ich war damals sehr stolz auf ihn, und ich war glücklich für uns alle; denn er war für die Welt der Vertreter eines neuen, eines wirklich besseren Deutschlands.

Auch angetrieben durch ihn und seinesgleichen haben wir mit Rot-Grün an die Maxime von Willy Brandt, “Mehr Demokratie wagen”, anknüpfen können und unser Land erneuert: eine moderne Integrationspolitik, eine neue Familienpolitik, die Gleichstellung von Schwulen und Lesben, die Energiewende, die Förderung der Künste, der Bildung und der Kultur. Dieses Durchlüften einer erstarrten Gesellschaft hat Günter Grass gefallen. Darauf war er stolz, und er war stolz auf unser Nein zum Irakkrieg. In dem politisch zähen Kampf gegen diesen irrsinnigen Krieg, der so viele Opfer gekostet hat, hat er mich von Anfang an unterstützt – mit Worten, aber eben auch mit Taten. Günter Grass forderte nicht nur von sich, sondern von allen, die Kultur schaffen, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Nach seinen eigenen Verfehlungen und Verstrickungen im Nazideutschland hat er für die Demokratisierung der Republik gestritten und Großes dafür geleistet. Seine Stimme wird fehlen. Günter Grass war ein guter Deutscher und ein großer Sozialdemokrat im Herzen und im Geiste.

Liebe Genossinnen und Genossen, wie Günter Grass, so entstammte auch Egon Bahr einer Generation der um 1920 Geborenen, die nach den jugendlichen Irrungen in der Nazizeit das zerstörte Land nach 1945 wieder aufbauen mussten. In Etappen, sagte Egon, bildete sich sein politisches Bewusstsein heraus, seine Haltung, sein Lebensantrieb – auf dass Nationalsozialismus und Krieg niemals wieder eine Chance hätten. Diese Haltung führte ihn zur Sozialdemokratie. Die SPD Kurt Schumachers zog ihn an. Später wurde er – wir wissen es – der engste Weggefährte von Willy Brandt. Wandel durch Annäherung, Ostpolitik, Entspannungspolitik: Der eine drängte, der andere konzipierte. Zusammen setzten sie den großen Plan gegen erhebliche Widerstände um. Dabei riskierten sie viel, aber am Ende brachten sie die Völker Europas dem Frieden näher. Ohne ihren mutigen Einsatz hätten Ost und West kaum wieder zusammengefunden.

Der Ausgangspunkt im Denken von Egon Bahr hat mir immer imponiert. Da waren nicht nur der Pragmatismus und der Vorrang der Realpolitik, für den er stand, sondern da war vor allem die Fähigkeit, sich in die Denkweise des anderen hineinzuversetzen – auch dann, wenn dessen Haltung und Taten nicht den eigenen Maßstäben entsprachen. Von ihm konnte man lernen, dass man sich nicht davon abbringen lassen darf, das zu tun, was richtig und notwendig ist, und vor allem, dass Konflikte, so verfahren und starr sie auch sein mögen, durch kluge Politik lösbar sind. Mit diesem Denken hat Egon Bahr die deutsche und die europäische Außen- und Sicherheitspolitik wesentlich mitgestaltet. Sein Vermächtnis ist eine Verpflichtung für alle, die heute politisch Verantwortung tragen, durch eine Politik der Zusammenarbeit, der Vertrauensbildung und der Entspannung für Frieden, Stabilität und Sicherheit zu sorgen. Wenn wir auf die Besorgnis erregenden Konflikte in und um Europa blicken, sollten wir uns an ihn erinnern und sollten wir Frank-Walter Steinmeier mit aller Kraft unterstützen, in der Tradition dieser Politik zu handeln. Der Denker und Stratege Egon Bahr war ein Glücksfall für die deutsche Sozialdemokratie, aber eben auch für unser Land und für unseren Kontinent.

Liebe Genossinnen und Genossen, der Dritte aus dieser Generation, um den wir trauern, ist Helmut Schmidt. Er war ein wahrlich großer Kanzler, der Deutschland in der Welt zu einem geachteten, verlässlichen Partner gemacht hat. Helmut Schmidt hat unsere Partei zu zwei großen Wahlsiegen geführt: 1976 und 1980. Er hat sie als eine Partei der wirtschaftlichen Kompetenz in der Mitte der Gesellschaft verankert. Das war eine Grundlage für unseren Erfolg. Das ist das, was Sigmar Gabriel jetzt versucht und wofür er jede Unterstützung braucht. Auch außenpolitisch war er ein Mann der Tat – hart, wo die Umstände es verlangten, aber stets offen für den Dialog und für den Kompromiss. Nur so war für ihn ein Ausgleich unterschiedlicher Interessen möglich. Mit dieser Grundhaltung ist es ihm gelungen, Europa dem Frieden und Deutschland der Wiedervereinigung wahrlich näher zu bringen.

Helmut Schmidt hat in schwierigen Zeiten geführt. Das Wort „Führung“ benutze ich in seinem Fall im besten Sinne des Wortes. Er gab die Richtung vor, er gab uns Orientierung und vermittelte uns auf diese Weise Sicherheit. Nie hat er gezögert. Immer hat er schnell, entschlossen und vor allem verantwortungsvoll gehandelt. Stets war er sich der Tragweite seines Handelns bewusst. Am Ende war ihm klar, dass er als Kanzler allein die politischen und moralischen Konsequenzen seines Tuns zu tragen hatte. Er trug sie auch, als im deutschen Herbst vor fast 40 Jahren viele Menschen dem Terror der RAF zum Opfer fielen – eine für ihn persönlich sehr belastende Situation. Er trug sie, als er den sogenannten NATO-Doppelbeschluss durchsetzen musste und dabei auf erhebliche Widerstände stieß. Diese Position wurde von großen Teilen der Gesellschaft, aber auch von unserer Partei – ich schließe mich dabei ein – nicht mitgetragen. Er war aber bereit, für das Notwendige die Macht zu opfern; denn er war bereit, das Wohl des Landes über das Wohl der Partei zu stellen – eine schwierige, eine mutige, im Ergebnis eine richtige Entscheidung, aber eben auch eine Entscheidung, die einsam macht. Helmut Schmidt war ein großer Deutscher, ein wirklicher Europäer, ein beeindruckender Staatsmann und ein großartiger Mensch. In seinem Sinne sagen wir das ohne Pathos, aber mit Respekt, Anerkennung und aus Dankbarkeit.

Liebe Genossinnen und Genossen, Günter Grass, Egon Bahr, Helmut Schmidt – drei große Deutsche, in deren Lebensläufen sich die Geschichte unseres Landes konzentriert. Ihr Antrieb lautete: Ohne Frieden ist alles nichts! – Diese Maxime bestimmte ihr Handeln, und sie ist ihr Vermächtnis. Sie rufen uns in Erinnerung, wofür wir Sozialdemokraten stehen: für Frieden, für Freiheit und für Gerechtigkeit. Wir sind dankbar dafür, was sie für unsere Partei und für unser Land geleistet haben. Wir verbeugen uns vor großen Sozialdemokraten, deren Gedanken und Ideen uns begleiten werden. Ihr Tod ruft uns in Erinnerung, was uns Sozialdemokraten im Kern zusammenhält und was uns von anderen unterscheidet. Lasst uns das nicht vergessen. Denn es gibt uns und vor allem euch die Kraft für alles, was zu tun ist. – Ich danke euch.

 

Weitere Informationen zum SPD-Parteitag 2015 finden Sie auf den SPD-Seiten (externer Link)

 

 

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