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Bürgerpredigt in der Marktkirche Hannover

»Wer für ein christliches Miteinander in der Gesellschaft einstehen will, der muss auch offen sein für Menschen, die zu uns kommen – als Einwanderer und Flüchtlinge.  Deswegen müssen wir uns gegen jede Form der Diskriminierung engagieren.  Als Politiker war das für mich eine Vorgabe für die Gesellschaftspolitik: Niemand soll ausgeschlossen sein. Jede und jeder gehören dazu, unabhängig von Einkommen, Herkunft, Hautfarbe, sexueller Orientierung.« Gerhard Schröder in seiner Bürgerpredigt in der Marktkirche St. Georgii et Jacobi in Hannover.

 

Bürgerpredigt:

 

»Liebe Gemeinde, meine Damen und Herren,  auch für mich ist das ein besonderer Moment und eine Ehre, in der Marktkirche eine Bürgerpredigt halten zu dürfen.  Nun ist das gesprochene Wort sicherlich nichts, was mir als ehemaliger Politiker fremd ist. Aber eine Predigt – das ist doch etwas außergewöhnliches, auch für mich.  Vorneweg möchte ich klar stellen, dass dies für mich kein leichter Gang ist. Über Gott und meinen Glauben rede ich eigentlich nicht öffentlich, weil dies für mich eine sehr persönliche Angelegenheit ist. Heute mache ich eine – kleine – Ausnahme.  Ja, ich bin Mitglied der Kirche.  Nein, ich bin nicht fest im Glauben.  Ich bin, was den Glauben betrifft, ein Zweifler und auch ein Suchender. Ich bin mit dieser Frage nicht fertig – und wahrscheinlich werde ich damit nie fertig.  Auch deswegen habe ich als Kanzler 1998 und 2002 bei meiner Vereidigung auf die Formel „So wahr mir Gott helfe“ verzichtet. Unter Christen ist umstritten, ob die Formel gegen die Bergpredigt verstößt.  Dort sagt Jesus: „Ich aber sage euch, dass ihr überhaupt nicht schwören sollt, weder beim Himmel noch bei der Erde. Eure Rede sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber hinaus ist, das ist von Übel.“ Für den Theologen Paul Tillich gehört das Zweifeln zum Glauben dazu, dies sei die Bejahung unserer Endlichkeit. Auch in den Zweifeln kann uns ein Bild Gottes erscheinen – so verstehe ich es, und damit kann ich gut leben.  Und trotz meiner Zweifel bin ich ein überzeugtes Mitglied der Kirche.  Denn es tut gut, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die sich an einem festen Wertekanon orientiert.  Diese Werte bilden, neben dem humanistischen Erbe der Aufklärung, die Basis für das friedliche Miteinander in unserer Gesellschaft.  In der Kirche und den angeschlossenen karitativen Einrichtungen leisten viele Millionen Menschen ehrenamtlich oder hauptberuflich eine großartige Arbeit.  Und zudem habe ich großen Respekt vor Menschen, die Halt im Glauben suchen und finden, die dieses Gottvertrauen besitzen, das mir noch fehlt.  Ich bin aber davon überzeugt, dass dieses Gottvertrauen in existenziellen Lebenssituationen sehr hilfreich ist.

Liebe Gemeinde,  als Frau Pastorin Kreisel-Liebermann und der Vorsitzende des Kirchenvorstandes, mein Freund Reinhard Scheibe, mir einige Bibelstellen zu Auswahl gaben, habe ich mich spontan für den Propheten Jesaja entschieden.  Das Jesaja-Buch besteht aus drei Teilen. Von ihnen enthält der erste Teil die Verkündigungen des Jesaja, der im achten vorchristlichen Jahrhundert wirkte.  Er war ein politischer Prophet, der – überzeugt von der Heiligkeit Gottes – die Missstände seiner Zeit anprangerte und die Herrschenden zur Umkehr aufforderte. Er wetterte gegen den Hochmut der Herrschenden, aber auch den des Volkes.  „Was ihr den Armen geraubt habt, ist in eurem Hause“, hält er den Ältesten des Volkes und den Fürsten vor.  Als Berater von nicht weniger als vier Königen hielt er sich mit unpopulären Meinungen und Forderungen nicht zurück.  Die Bibelstelle Jesaja, 43, 1-4 , auf die ich mich heute in der Bürgerpredigt beziehe, stammt jedoch aus dem zweiten Teil.  Dieser Prophet, den man in der Wissenschaftssprache auch „Deutero-Jesaja“ nennt, wirkte in der Zeit des babylonischen Exils, also im sechsten Jahrhundert vor Christi.  Wenn man sich fragt, wieso weitere Teile dem Jesaja-Buch hinzugefügt wurden, heißt die plausibelste Antwort: weil Jesaja als erster der Propheten galt und die Späteren sich seiner Autorität anschlossen.  So konnten unter einer einzigen Überschrift Prophetentexte aus mehreren Jahrhunderten zusammengefasst werden.  Diese Bibelstelle habe ich gewählt, weil sie so wuchtig und kraftvoll ist. Viele kennen diesen Text, da Verse daraus gerne für Taufsprüche verwendet werden.  Dort heißt es:

Und nun spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen.

Denn ich bin der HERR, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland. Ich habe Ägypten für dich als Lösegeld gegeben, Kusch und Seba an deiner statt,

weil du in meinen Augen so wert geachtet und auch herrlich bist und weil ich dich lieb habe. Ich gebe Menschen an deiner statt und Völker für dein Leben.

Das ist eine Sprache, so kraftvoll und eindeutig, wie man sie sich heute gerade auch in der Politik wünschen würde.

Liebe Gemeinde,  gerne möchte ich auf einige Aspekte eingehen, die mir bei diesem Text durch den Kopf gehen – und bei denen ich Bezüge zur heutigen Zeit herstellen kann.  Ein Vers heißt: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“  Dieses „du bist mein“ klingt zunächst sehr besitzeinnehmend und beherrschend.  Aber wer weiter liest kommt dann zu einer Stelle, in der es heißt: „weil du in meinen Augen so wert geachtet und auch herrlich bist und weil ich dich lieb habe“.  Das hat für mich etwas fast Zärtliches, etwas sehr Familiäres. So sollten Mütter und Väter über ihre Kinder denken.  Das „Du bist mein“ deute ich daher als ein „Du gehörst dazu“.  Das „du bist mein“ drückt die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft aus. Und wie in einer Familie bezieht sich die Zugehörigkeit auf jede und jeden, egal wie sie oder er ist.  Und das kann uns in unserer Gesellschaft eine Orientierung für den Umgang miteinander bieten.  Wer für ein christliches Miteinander in der Gesellschaft einstehen will, der muss auch offen sein für Menschen, die zu uns kommen – als Einwanderer und Flüchtlinge.  Deswegen müssen wir uns gegen jede Form der Diskriminierung engagieren.  Als Politiker war das für mich eine Vorgabe für die Gesellschaftspolitik: Niemand soll ausgeschlossen sein. Jede und jeder gehören dazu, unabhängig von Einkommen, Herkunft, Hautfarbe, sexueller Orientierung.  Mein Eindruck ist, dass diese durchaus christliche Haltung in Hannover immer, und unter der neuen Landesregierung auch in Niedersachsen, Richtschnur der Gesellschaftspolitik ist.  Wir haben während meiner Kanzlerschaft zum Beispiel mit der eingetragenen Lebenspartnerschaft für Homosexuelle ein der Ehe ähnliches Konstrukt geschaffen.  Die Evangelische Kirche in Deutschland hat diesen Weg damals mit einer Stellungnahme begleitet, die unter der Überschrift stand: „Verlässlichkeit und Verantwortung stärken“. Damit waren die gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften gemeint.  Das war – vor mehr als einem Jahrzehnt – ein wichtiger gesellschaftlicher Schritt. Aber weitere müssen heute folgen.  Denn in unserer Gesellschaft, auch in Institutionen wie der Kirche, sind Diskriminierungen noch lange nicht überwunden. Es gibt sie weiterhin.

Und das mag etwas sein, was wir aus Jesaja 43, diesen Worten: „Fürchte dich nicht“ – „Du bist mein“, für die heutige Zeit mitnehmen können. Es muss die Aufgabe für uns alle sein, gesellschaftliche Schranken abzubauen.  Zumindest zu helfen, dass benachteiligte Menschen die Chance haben, diese Schranken zu überwinden und aufzusteigen. Und dafür ist Bildung entscheidend.  Ich selbst stamme aus einfachsten Verhältnissen. Heute würde man sagen: aus einer „bildungsfernen Schicht“.  Damals habe ich die Chance, die mir die Gesellschaft geboten hat, ergriffen und genutzt. Und diese Chance war der zweite Bildungsweg, der Abitur und Studium ermöglichte.  In den 50er und 60er Jahren musste die Gesellschaft, in deren Reihen der Zweite Weltkrieg Schneisen geschlagen hatte, auch denen eine Chance eröffnen, denen bislang die Tür zum Wissen und damit zur Macht nicht offenstand.  Ich sage das mit großer Dankbarkeit, aber auch in der Sorge, dass diese Möglichkeit, gesellschaftliche Schranken zu überwinden, heute nicht mehr in dem Maße besteht, wie das früher der Fall war.  Und das muss sich ändern. Damit es in Deutschland wieder eine größere Chancengerechtigkeit gibt, muss die Verbesserung der Bildungssituation die zentrale politische Aufgabe der Zukunft sein.  Mehr Chancengerechtigkeit – das ist für mich auch eine der Botschaften aus dieser Bibelstelle, die wir für das heutige Leben mitnehmen können.

Liebe Gemeinde,  der Prophet Jesaja würde uns heute also mit auf den Weg geben, dass gesellschaftliche Zustände nicht unabänderlich sind.  Als Jesaja sich an die Mitglieder der Jerusalemer Führungsschicht wendete, war diese im babylonischen Exil gefangen. Ihnen sprach er Mut zu.  Viele hatten sich mit dem Exil abgefunden, aber die politischen Machtverhältnisse begannen sich zu verschieben, eine Rückkehr in die Heimat schien möglich.  Jesaja tröstete das Volk im Exil und sagte ihnen zu, dass sich ihre Situation verändern würde, dass sie in ihre Heimat, nach Jerusalem, zurückkehren würden.  Es waren Worte der Freiheit und des Protests gegen bestehende Verhältnisse. Aber diese Worte deuteten schon darauf hin, dass der Weg anstrengend würde.  „Wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen“, heißt es.  Das ist auf der einen Seite ein festes Versprechen, das Gott gibt. Aber auf der anderen Seite deutet es auf Gefahren hin, die mit der Veränderung verbunden sind.  Und hier gibt es durchaus Analogien zur Politik in der heutigen Zeit.  Es kommt durchaus vor, dass man als Politiker Wählerinnen und Wählern in Zusammenhang mit einer unangenehmen politischen Entscheidung etwas Positives für die Zukunft in Aussicht stellt.  Oft handelt es sich um Vorschläge, bei denen Sie als Politiker einer Gruppe in der Gesellschaft weh tun müssen, indem Sie Privilegien streichen oder schmerzvolle Reformen durchsetzen müssen. Reformen, deren positiven Erfolge sich aber erst einige Jahre später einstellen werden.  Man muss also schon von seinen politischen Zielen überzeugt sein, man muss bereit sein, „durchs Feuer zu gehen“ – und darauf vertrauen, nicht zu verbrennen.  Und trotzdem muss man es tun, das ist Aufgabe von politischer Führung.  Man sollte zumindest das Risiko eingehen, nicht wiedergewählt zu werden, wenn man im Interesse des Landes von einer Entscheidung überzeugt ist, auch wenn diese unpopulär ist.  Ich weiß, wovon ich rede.

Liebe Gemeinde,  Erhard Eppler hat einmal treffend gesagt: Politik ist an der Grenze dessen angesiedelt, was Menschen leisten können, ohne Schaden zu nehmen an ihrer Seele.  Und ich kann hinzufügen, dass diese Grenze auch gelegentlich überschritten wird, oder überschritten werden muss.  Meine Seele hat im politischen Leben Schaden genommen – und zwar nicht, weil es um mein persönliches Schicksal ging, sondern weil in meinen Händen das Schicksal und das Leben anderer Menschen lagen.  Die Agenda 2010 durchzusetzen, war politisch schwierig, aber es war keine moralisch schwierige Entscheidung.  Auch das Nein zum Irak-Krieg war mit Blick auf das transatlantische Bündnis politisch heikel, aber das war keine Entscheidung, die mir schwer gefallen ist.  Wirklich schwerwiegend sind für einen verantwortungsbewussten Politiker die Entscheidungen, die mit dem Tod und dem Leben von Menschen zu tun haben.  Die Beteiligung der Bundeswehr an den Kampfeinsätzen im Kosovo und in Afghanistan waren die schwierigsten Entscheidungen in meinem politischen Leben.  Habe ich dabei Schuld auf mich geladen?  Ja, natürlich. Es sind Menschen gestorben, es wurden Menschen verletzt.  Aber man muss sich in einer solchen Situation klar machen, dass auch der, der nicht handelt, Schuld auf sich laden würde.  Nicht zu handeln würde womöglich zu noch größerer Schuld führen: der Schuld unterlassener Hilfeleistung für bedrängte Menschen.  Und in diesem Spannungsfeld einer schuldbeladenen Entscheidung kann die Seele Schaden nehmen – sie muss sogar Schaden nehmen.

Liebe Gemeinde,  als Zweifler und Suchender im Glauben kann ich in den Bibelstellen des Propheten Jesaja auch ein Stück Hilfestellung für das Leben und für das gesellschaftliche Zusammenleben finden.  Mit Blick auf das Luther-Jahr 2017, mit dem 500 Jahre Reformation gefeiert werden, ist jedoch ein Zitat für mich wegweisend und beschreibt mein Verhältnis zur Kirche und zum Glauben:  „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan.  Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“  Ich fühle mich frei, zu tun, was ich für mein Leben für richtig halte. Aber zum anderen fühle ich auch eine Verpflichtung für meine Mitmenschen, für die Gesellschaft, aber vor allem für meine Kinder – und versuche sie zu leben.  In diesem Sinne danke ich für die Möglichkeit einer Bürgerpredigt und wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag.  Amen«

 

Quelle: Manuskript der Bürgerpredigt von Bundeskanzler a. D. Gerhard Schröder in der Marktkirche Hannover am Sonntag, 27. Juli 2014 in Hannover.

 

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