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60. Jahrestag der Befreiung der nationalsozialistischen Lager

»Der Tod der Millionen, das Leid der Überlebenden, die Qualen der Opfer: sie begründen unseren Auftrag, eine bessere Zukunft zu schaffen. Vergangenheit können wir weder ungeschehen machen, noch wirklich bewältigen. Aber aus der Geschichte, aus der Zeit der tiefsten Schande unseres Landes, können wir wohl lernen.« Rede von Bundeskanzler Gerhard Schröder anlässlich der Gedenkfeier zum 60. Jahrestag der Befreiung der nationalsozialistischen Lager in Weimar.

 

Auszüge aus der Rede:

 

„Sehr verehrte, liebe ehemalige Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald,

verehrte Kolleginnen und Kollegen,

sehr verehrten Damen und Herren!

 

Viele von Ihnen sind heute aus Israel, aus den Vereinigten Staaten von Amerika und aus den europäischen Nachbarstaaten hierher nach Weimar gekommen. Sie haben die Hölle der Konzentrationslager erlitten und haben überlebt. Zahllose Ihrer Mithäftlinge aber, Familienangehörige, Freunde, starben in diesen Lagern, sie fielen dem Hunger, den Krankheiten, dem sadistischen Terror und dem systematischen Mord zum Opfer. Ihrer gedenken wir heute gemeinsam.

 

Sie, die Sie heute hierher gekommen sind, sind die Hüter authentischer, unmittelbarer Erinnerung. Sie haben erlebt und erlitten, was eine bis zum Äußersten gesteigerte Unmenschlichkeit anzurichten im Stande ist. Ich verneige mich vor Ihnen, vor den Opfern und ihren Angehörigen.

 

Am Anfang von Sempruns großem Roman über Buchenwald steht der Erzähler vor eben einer Buche und bewundert für einen Moment die schlichte winterliche Schönheit des Baumes. Dann wird er von der Stimme und der auf ihn gerichteten Waffe eines SS-Mannes in das Lagerleben zurückgerissen. Buchenwald – ein eigentlich schönes Wort, das dennoch täuscht, denn die Namen der Orte rufen Erinnerungen wach.

 

Zum einen: der Klang des Namens Weimar – ein Ort unvergleichbarer kultureller Blüte. Weimar steht für Humanität, Aufklärung, Idealismus und – nach 1918 – für einen demokratischen Neubeginn in Deutschland. Und zum anderen: Buchenwald auf dem Ettersberg – vierzig Hektar Kälte und Grausamkeit, die absolute Negation jeglicher Kultur. Der Ort steht für Unmenschlichkeit, geistige Finsternis, Barbarei. Es ist das räumliche Nebeneinander von Kultur und Barbarei, das uns so sprachlos macht. Wir möchten vor diesem Hintergrund das Unfassbare begreifen, das doch jede menschliche Vorstellungskraft übersteigt. Um zu verstehen, sind wir auf die Erinnerungen der Überlebenden angewiesen. Sie sind unsere Verbindung zu eben dieser Vergangenheit.

 

Der Tod der Millionen, das Leid der Überlebenden, die Qualen der Opfer – sie begründen unseren Auftrag, eine bessere Zukunft zu schaffen. Vergangenheit können wir weder ungeschehen machen, noch wirklich bewältigen. Aber aus der Geschichte, aus der Zeit der tiefsten Schande unseres Landes, können wir wohl lernen: Wir, die Nachgeborenen, die Vertreter eines anderen, eines demokratischen Deutschlands, wir wollen und wir werden nicht zulassen, dass Unrecht und Gewalt, dass Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in unserem Land jemals wieder eine Chance bekommen.

 

Die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus, an Krieg, Völkermord und Verbrechen ist Teil unserer nationalen Identität geworden. Daraus folgt eine bleibende moralische und politische Verpflichtung.

 

Uns leiten die Werte der Aufklärung und der französischen Revolution, die Tradition des Humanismus, die Idee einer freien und sozial gerechten Gesellschaft, aber auch die Erfahrung des Widerstandes gegen jede Form der Tyrannei. Diese Werte müssen und werden wir jeden Tag aufs Neue verteidigen. Deshalb, so denke ich, ist es gut, dass junge Erwachsene aus verschiedenen europäischen Staaten heute hier sind. Sie treffen Zeitzeugen, sie sprechen mit ehemaligen Häftlingen, und sie helfen so mit, deren Erinnerungen für zukünftige Generationen zu bewahren.

 

Aber die Erinnerung hat die Eigenheit, mit der Zeit zu verblassen, kraftlos zu werden, gelegentlich fern dem heutigen Leben zu erscheinen. Weil das so ist, sind die Orte so wichtig, die sich ganz der Erinnerung widmen und die Vergangenheit überzeugend in unsere Gegenwart holen. Diese Orte mahnen uns, der Versuchung zum Vergessen oder zum Verdrängen entschieden zu widerstehen.

 

Das Konzentrationslager war, wie Eugen Kogon geschrieben hat, eine Ordnung ohne Recht, in die der Einzelne hineingeworfen wurde, gezwungen, jeden Tag um ein Leben zu kämpfen, das seinen Bewachern nichts bedeutete. Die Allgegenwart von Terror und Tod, Willkür, Misshandlung und Demütigung hatte zum Ziel, dem Einzelnen seine eigene Persönlichkeit, seine Selbstachtung, ja, seine Würde zu nehmen. Aber es gab unter den Gefangenen Solidarität, die Behauptung von Humanität, den Willen zu Mitgefühl und Opferbereitschaft.

 

In gewissen Grenzen hat das tägliche Widerstehen, hat der Zusammenhalt von Häftlingen aus ganz Europa dem Vernichtungswillen in den Lagern entgegen gearbeitet. Spätestens seit Stalingrad wuchs die Zuversicht, dass Hitler den Krieg verlieren würde. Mit welcher Begierde, mit welcher Hoffnung jedes Gerücht vom Kriegsgeschehen, vom stetigen Vormarsch der Alliierten in den Lagern aufgenommen wurde, kann man sich kaum vorstellen. Als am 11. April 1945 die US-Armee das Lager Buchenwald erreichte, war es eine Befreiung von außen sowie zugleich – und das darf eben nicht vergessen werden – eine Befreiung von innen und auch viel politischer Aufbruch. So verfasste der Staatsrechtler Hermann Louis Brill zusammen mit Gleichgesinnten aus ganz Europa ein, wie er es nannte, “Manifest der demokratischen Sozialisten des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald.” Das “Manifest” und in gleicher Weise der “Schwur der Häftlinge von Buchenwald” weisen in die Zukunft. Sie beschworen eine Ordnung des Friedens und einen neuen europäischen Geist in Freiheit.

 

Ehemalige Gefangene, Politiker wie Brill oder der große französische Sozialist Léon Blum, wirkten an diesen ersten Schritten in ein freiheitliches Nachkriegs-Europa mit. Dies taten auch Schriftsteller, Journalisten und Künstler. Lassen Sie mich, stellvertretend für viele andere, die Nobelpreisträger Elie Wiesel und Imre Kertesz, die Schriftsteller Bruno Apitz und Danuta Brzosko-Medryk sowie den Künstler Jósef Szajna nennen. Wir verdanken ihnen, aber auch allen anderen, mehr, als wir mit Worten im Stande sind auszudrücken. Sie haben großen Anteil daran, dass Totalitarismus und Menschenverachtung, für die die Konzentrationslager Inbegriff waren, eben nicht dem Vergessen ausgeliefert wurden.

 

Buchenwald mit all seinen Schrecken steht für das Unrechtsregime des 20. Jahrhunderts: für den Nationalsozialismus und seine Opfer. Es hat aber auch eine zweite, weniger bekannte Geschichte – eine Geschichte des Stalinismus, die nicht vergessen werden darf. Aus dem KZ Buchenwald wurde bis 1950 das sowjetische Speziallager Nr. 2. 1958 wurde das ehemalige Konzentrationslager zur “Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald” der DDR erklärt. Die erste frei gewählte Volkskammer hat dann Buchenwald als Ort des nationalen Gedenkens in den Einigungsvertrag eingebracht.

 

Das Europa der Freiheit, des Friedens und der Demokratie, das wir in den vergangenen fünfzig Jahren aufgebaut haben, hat gewiss viele Wurzeln. Aber die tiefste Wurzel reicht zurück in die dunkelsten Jahre des 20. Jahrhunderts, in die Jahre, als der stumme Terror der Lager sich über eben dieses Europa legte. In diesen Lagern entstand die tiefe Entschlossenheit, es nie wieder so weit kommen zu lassen. Aus diesen Lagern stammt die eindringlichste Mahnung, sich den Kräften des Unrechts und der Tyrannei in jeglicher Form entgegenzustellen.

 

Der langjährige Präsident des Internationalen Buchenwald-Komitees, Pierre Durand, sagte zum 56. Jahrestag der Befreiung von Buchenwald: “Unser langes Leben hat uns gelehrt, dass man nie aufgeben darf, dass man im Herzen die Flamme der Hoffnung und den Willen bewahren muss, eine bessere Welt aufzubauen, eine Welt, die der Menschheit würdig ist.” Das ist der Auftrag, unter dem wir, die Nachgeborenen, stehen. Das ist unsere Verpflichtung gegenüber denjenigen, die in Buchenwald und in anderen Lagern gelitten haben und gestorben sind.

 

Dieser Auftrag gilt über Generationen hinweg. Er galt für die, die vor uns Verantwortung trugen. Er gilt für uns, und er wird für die gelten, die nach uns kommen. In Deutschland wird dieser Auftrag immer gelten.“

 

Quelle: Rede von Bundeskanzler Gerhard Schröder auf der Gedenkfeier zum 60. Jahrestag der Befreiung der nationalsozialistischen Lager am 10. April 2005 in Weimar; Bulletin Nr. 27-1 vom 10. April 2005; Herausgeber: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung.

 

Hinweis: Durch die Digitalisierung des Textes kann es zu Fehlern kommen. Der gesamte Redetext kann beim Presse- und Informationsamt der Bundesregierung angefordert werden.

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