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40. Jahrestag Elysée-Vertrag

»Die deutsch-französische Freundschaft ist heute kein Selbstzweck mehr. Sie muss sich ständig neu definieren und eben auch neu beweisen. Dies umso mehr, als wir in unseren Gesellschaften, in Europa und in der Welt vor ganz neuen Herausforderungen stehen.« Rede von Bundeskanzler Gerhard Schröder bei der gemeinsamen Sitzung des Deutschen Bundestages und der Assemblée Nationale zum 40. Jahrestag der Unterzeichnung des Elysée-Vertrages in Versailles (Frankreich).

 

Redetext:

 

„Verehrter Herr Staatspräsident,

meine sehr geehrten Herren Parlamentspräsidenten,

sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete!

 

Ich danke Ihnen, Herr Präsident der Nationalversammlung, und Ihnen, Herr Bundestagspräsident, für die Einladung, vor den hier versammelten Volksvertretungen Frankreichs und Deutschlands sprechen zu dürfen.

 

Zum ersten Mal in der Geschichte unserer beiden Länder treten heute Nationalversammlung und Bundestag in gemeinsamer Plenarsitzung zusammen. Das setzt nicht nur einen besonders würdigen Rahmen für die Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag des Elysée-Vertrages. Es ist auch ein beeindruckendes Zeichen für die Substanz unserer Beziehungen, einer Freundschaft, die eben weit mehr ist als ein Pakt zwischen Regierungen. Sie ist vielmehr ein einigendes Band zwischen unseren Gesellschaften und Völkern — und mithin denen, die sie auf beiden Seiten des Rheins repräsentieren.

 

Wir hören und lesen in diesen Tagen häufig von der Erfolgsgeschichte des Elysée-Vertrages und der deutsch-französischen Beziehungen. Das ist unbestreitbar richtig, und doch scheint mir der Begriff zu eng für das große Werk, das uns in den zurückliegenden 40 Jahren miteinander gelungen ist; denn hier haben zwei Völker und Staaten wirklich zueinander gefunden, die in ihrer Geschichte seit Jahrhunderten miteinander verwoben, aber eben auch oft genug in fürchterliche Gegensätze verstrickt waren. Wo, in der Vielfalt und gegenseitigen Ergänzung unserer Kulturen, gemeinsamer Reichtum hätte blühen können, ja, müssen, wurden unüberwindbare Gräben ausgehoben. Statt der Kräfte der Anziehung wurden die Kräfte der Abstoßung gefördert. Statt des gemeinsamen Erbes wurden Erbfeindschaften gepflegt, und immer, wenn unsere beiden Länder, die schon für Victor Hugo “das Wesen Europas” ausmachten, gegeneinander zogen, war es der gesamte Kontinent, war es unser Europa, das ins Unglück gestürzt wurde.

 

Gewiss: Die Besten von uns hatten auch in dunklen Zeiten immer wieder Brücken über die Abgründe der Rivalität und des Hasses gebaut: Voltaire oder Kant, Heine, den die Franzosen noch immer “Henri” nennen, und Germaine de Staël, die auch in Deutschland nur als “Madame de Staël” bekannt ist. Stefan Zweig und Romain Rolland wären zu nennen; oder auch Heinrich Mann. Aristide Briand und Gustav Stresemann wurden für ihre Politik der Verständigung mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, der sich allerdings als vorschnell ausgestellter Scheck auf die Zukunft erwies. Denn die bittersten Jahre unserer gemeinsamen Geschichte sollten noch folgen.

 

Denn es ist wahr: Immer wieder waren es vor allem Fürsten und Herrscher aus Deutschland, die den schrecklichen Irrglauben propagierten, das Werden und Glück unserer Nation könne nur durch Feindschaft und Aggression gegen unsere französischen Nachbarn erreicht werden. Ich bin deshalb unseren französischen Gastgebern außerordentlich dankbar, als Ort für dieses historische Zusammentreffen der beiden Parlamente gerade dieses Versailles vorgeschlagen zu haben. Wie nur wenige Orte in Europa macht Versailles uns bewusst, wie weit wir auf unserem Weg vorangekommen sind: von den Verhängnissen der Vergangenheit, über die Versprechen und die Hoffnung des Elysée-Vertrages zur großartigen Wirklichkeit der deutsch-französischen Freundschaft.

 

Versailles – der Name steht für drei Jahrhunderte unserer höchst wechselvollen Geschichte. Dies war nicht nur der Hof des Sonnenkönigs Ludwig XIV., übrigens von deutschen Fürsten vielfach nachgebaut. Die genaueste Kopie versuchte erst sehr viel später Ludwig II. in Bayern. Der Bau blieb unvollendet, doch jener Ludwig vollendete die Tragödie: Sein einziger Auftritt im wirklichen Versailles war als bewusste Demütigung Frankreichs inszeniert. Ausgerechnet hier im Spiegelsaal trug er Wilhelm I. die deutsche Kaiserkrone an. Dem entsprechenden Diktatfrieden von 1871 folgte beinahe zwangsläufig jener von 1919, den die deutsche Rechte und dann die Nationalsozialisten so trefflich zum Vorwand nahmen, ihren Vernichtungsfeldzug gegen ganz Europa anzutreten.

 

Aber Versailles ist eben auch der Ort, der auf immer mit der Verkündung der allgemeinen Menschenrechte im Jahre 1789 verbunden bleiben wird. An jenen großen Augenblick der Geschichte knüpfen wir heute an. Die Werte der französischen Revolution, Herr Präsident – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit —, die für Kant der Beweis für “das Gute im Menschen” waren, und die Hitler, Goebbels und andere Verbrecher noch aus der Geschichte auszulöschen getrachtet hatten, leben weiter. Sie sind die gemeinsame Grundlage für unsere gemeinsame Politik in unseren beiden Ländern, in Europa und darüber hinaus. Sie sind Grundlage und Leitbild dessen, was wir in den vergangenen 40 Jahren miteinander erreicht haben, wie auch dessen, was wir in der Zukunft auf unserem gemeinsamen Kontinent miteinander ins Werk setzen können und gewiss auch wollen.

 

Was Charles de Gaulle und Konrad Adenauer – nach den Vorarbeiten von Jean Monnet und Robert Schuman – begründet haben, was von Georges Pompidou und Willy Brandt, Giscard d’Estaing und Helmut Schmidt, François Mitterrand und Helmut Kohl fortgesetzt und weiterentwickelt wurde, das war stets mehr als die – zweifellos wesentliche – Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich. Diese großen Europäer hatten immer auch im Blick, dass Europa ohne die deutsch-französische Freundschaft nicht werden kann. Aber dass auch die deutsch-französische Freundschaft ohne Europa nicht wirklich gedeihen kann. Aber gestatten Sie mir noch einen kurzen, persönlichen Rückblick auf die Versöhnung nach den Gräueln und Morden des Zweiten Weltkriegs. Zusammenarbeit, gar Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich, das konnte für die Generationen unserer Väter und Vorväter nur ein kühner Traum sein. Für uns, die wir nach dem Krieg aufwuchsen, war die Versöhnung immer eine Hoffnung. Eine Hoffnung allerdings, der die allzu frische Erinnerung an Schrecken und Leid gleichsam unüberwindlich im Wege stand. Diese Hoffnung wirklich werden zu lassen, konnte nur durch entschiedenen politischen Willen gelingen.

 

Aber der politische Wille allein bewegt nicht zwangsläufig die Herzen. Deshalb bedurfte es auch des vielleicht naiven Mutes von Männern wie Gunther Klein, damals Intendant des Jungen Theaters in Göttingen, und der Herzensgröße einer Dame wie “Barbara”. Klein überredete die verehrte Chansonnière zu einem Auftritt in seinem kleinen Theater. Widerstrebend — die Narben des Krieges und der Nazi-Zeit waren noch frisch — willigte Barbara ein. Noch am Tag ihrer Ankunft wollte sie wieder abreisen. Schließlich blieb sie eine ganze Woche lang und gab Konzerte vor einem begeisterten, jungen Publikum. Angesteckt von dieser Euphorie, aber ganz sicher auch angerührt, begann sie noch während ihres Aufenthalts, ihr berühmtes Chanson “Göttingen” zu schreiben. Zwei Jahre später, 1967, kam sie wieder in die Stadt und trug ihre kleine Hommage vor. Es ist meines Wissens das einzige Lied, das die große Barbara je auf Deutsch gesungen hat. Lassen Sie mich aus dem Text zitieren:

 

“Was ich nun sage, das klingt freilich

für manche Leute unverzeihlich:

Die Kinder sind genau die gleichen

in Paris, wie in Göttingen.

Lasst diese Zeit nie wiederkehren

und nie mehr Hass die Welt zerstören:

Es wohnen Menschen, die ich liebe,

in Göttingen, in Göttingen.”

 

Ich selbst habe zu jener Zeit insgesamt mehr als zehn Jahre in Göttingen gelebt und dort studiert. Ich hatte leider keine Gelegenheit, das Lied von ihr selbst gesungen zu hören. Doch das Chanson hallte überall in der Stadt wieder und weit darüber hinaus. Was Barbara dort direkt in unsere Herzen hinein gesungen hat, das war für mich der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen Deutschen und Franzosen.

 

Es heißt, wahrscheinlich nicht einmal zu Unrecht, Nationen könnten nicht miteinander befreundet sein, das könnten eben nur Menschen. Genau das ist aber die bahnbrechende Bedeutung des Elysée-Vertrages, dass er nicht nur die realpolitische Notwendigkeit und den Willen zur freundschaftlichen Zusammenarbeit unserer beiden Nachbarstaaten fortschreibt und festschreibt, sondern dass er von Beginn an auch ein Bündnis der Gesellschaften, der Völker, also der Menschen gewollt – und auch erreicht hat. Schon vor dem Vertrag gab es Städtepartnerschaften und Austauschprogramme, heute sind es viele Hunderte. Das Deutsch-Französische Jugendwerk, das inzwischen mehr als sieben Millionen jungen Menschen den Besuch im jeweiligen Partnerland ermöglicht hat, ist selbst ein Kind des Elysée-Vertrages.

 

Uns verbindet, nach den Erfahrungen der ideologischen Jahrhunderte, eine “Kultur des Zweifels”; vielleicht die beste Annäherung zwischen der deutschen “Aufklärung” und den französischen “Lumières”. Diese Kultur des Zweifels, immer schon darauf angelegt, endgültige Dogmen und physische Grenzen zu überwinden, kennt nur eine Gewissheit: die der Demokratie, des Pluralismus und der Toleranz in Vielfalt. Für die überwältigende Mehrheit gerade der jungen Menschen in unseren Ländern ist dies heute selbstverständlich; so selbstverständlich wie die deutsch-französische Aussöhnung und das Leben in einem Europa ohne wirkliche Grenzen. Doch auch und gerade in dieser Selbstverständlichkeit lauert eine Gefahr, nämlich die Gefahr der Gewöhnung. Die deutsch-französische Freundschaft ist heute kein Selbstzweck mehr. Sie muss sich ständig neu definieren und eben auch neu beweisen. Dies umso mehr, als wir in unseren Gesellschaften, in Europa und in der Welt vor ganz neuen Herausforderungen stehen.

 

Die friedlichen Revolutionen von 1989 haben uns die Möglichkeit gegeben, aber auch die Pflicht auferlegt, ein einiges Europa zu gestalten. Der historische Erfolg des Erweiterungsgipfels in Kopenhagen, der ganz wesentlich auf dem gemeinsamen Vorgehen von Deutschland und Frankreich beruhte, hat dafür die Weichen gestellt. Er wäre ohne die entschiedene Vorarbeit und ohne die entschiedene Politik des französischen Präsidenten, dem ich dafür meinen großen Respekt zolle, so nicht möglich gewesen. Nun ist es an uns — das heißt wiederum in erster Linie: an Deutschland und Frankreich —, diesen Erweiterungsprozess so zu gestalten, dass die Union demokratischer, transparenter und effizienter wird. Aber eben auch, dass sie in der Erweiterung politisch führbar bleibt.

 

Unser Schicksal wird heute stärker denn je von globalen Entwicklungen bestimmt. Gerade vor uns liegt die Aufgabe, Gerechtigkeit und Sicherheit im Zeitalter der Globalisierung als Ziel zu verankern. Die ökonomische Globalisierung politisch zu gestalten, ihre Potenziale auszuschöpfen und den Fliehkräften dieser weltweiten Prozesse entgegenzuwirken, das wird eine der zentralen Aufgaben Europas sein. Gerade Deutschland und Frankreich — als die Gesellschaften, die es sich und der Welt schuldig sind, das Erbe der Aufklärung zu wahren und an den neuen Herausforderungen zu definieren — sind heute aufgerufen, in den weltökonomischen Turbulenzen und gegenüber den Gefahren einer asymmetrischen Gewalt das Primat der Politik zu erhalten und auch durchzusetzen.

 

Regierungen und Abgeordnete beider Länder sind sich der Verantwortung bewusst, die uns die neuen Herausforderungen auferlegen. Wir wissen, dass die Menschen, die uns gewählt haben, hohe Erwartungen gerade in unsere Zusammenarbeit setzen. Heute, an diesem Festtag, der gleichzeitig ein Arbeitstag für unsere beiden Regierungen war, sind wir bereits ein gutes Stück vorangekommen, sowohl beim Dialog über die Zukunft Europas als auch bei der Arbeit an konkreten Projekten. Mag sein, dass das politische Gebilde noch unfertig ist. Staatenbund, Bundesstaat, Staatenverbund, das sind Begriffe, die wir diskutieren müssen und die ja auch im Konvent diskutiert werden. Aber wie immer wir zu Einzelheiten dieser Begriffe stehen mögen: Diese Debatte wird uns enger zusammenbringen und keinesfalls auseinander dividieren können.

 

Entscheidend bleibt das Wertefundament unserer Gemeinschaft, das einen wichtigen politischen Niederschlag in der Annahme der europäischen Charta der Grundrechte gefunden hat. Diese muss ein zentrales Element der europäischen Verfassung sein, an der wir gemeinsam arbeiten und die wir gemeinsam anstreben. Europa, das hat sich nie — jedenfalls nie ohne Gewalt und Willkür — rein geographisch definieren lassen. Europa war immer eine Reflexion über kulturelle und eben auch politische Gemeinsamkeiten. Ich möchte als wesentliche die Partizipationsethik nennen. Diese Debatte wird weitergehen, auch gegenüber den Nachbarn der heutigen Union, die eines Tages dieser Union beitreten wollen. Wir wollen ein selbstbewusstes, geeintes Europa, das die kulturellen Eigenheiten seiner Regionen und Länder nicht als störend, sondern als unermesslichen Reichtum empfindet. Wir wollen starke Institutionen, die unterschiedliche politische Ansätze und unterschiedliche Traditionen unserer Mitgliedstaaten nicht verleugnen und, weil sie stark sind, auch nicht verleugnen müssen.

 

Was können und was müssen Deutschland und Frankreich als nächstes für die Zukunft Europas leisten? Die Geschichte der europäischen Einigung zeigt: Alle großen europäischen Aufgaben konnten vor allem dann gelöst werden, wenn sich Deutschland und Frankreich einig waren. Gerade in den letzten Monaten, denke ich, hat sich die Dynamik unserer Zusammenarbeit noch einmal verstärkt. Nicht ohne Stolz können wir sagen, dass Deutschland und Frankreich in der entscheidenden Phase der Erweiterung der Europäischen Union die wirklich ausschlaggebenden Impulse gegeben haben. Unser gemeinsames Vorgehen hat die historische Entscheidung von Kopenhagen ermöglicht, und übrigens — auch das ist nicht unwesentlich — hat unser gemeinsames Vorgehen sie in sinnvoller Weise materiell unterlegt.

 

Der Europäische Konvent, in dem die Vertreter Ihrer beiden Hohen Häuser gleichberechtigt mit Abgesandten der Regierungen und Vertretern des Europäischen Parlaments arbeiten, hat in seiner Arbeit erhebliche Fortschritte gemacht. Präsident Chirac und ich haben in der vergangenen Woche dem Präsidenten des Konvents, Valéry Giscard d’Estaing, unseren gemeinsamen Vorschlag zur institutionellen Architektur der Europäischen Union übermittelt. Damit haben Deutschland und Frankreich dem Konvent zu allen zentralen Fragen der europäischen Verfassungsdiskussion abgestimmte Beiträge vorgelegt.

 

Jeder Bürger in Europa muss wissen, wer in Europa für was verantwortlich ist. Nur wer legitimiert ist, kann auch führen, und nur wer in die Lage versetzt wird, zu führen, kann dafür auch vom Bürger und den Parlamenten legitimiert werden. In diesem Spannungsfeld bewegen sich alle Vorschläge, die Deutschland und Frankreich im Konvent bisher gemacht haben. Ziel muss eine gleichgewichtige Stärkung des institutionellen Dreiecks der Union sein. Hierbei geht es darum, dass sich die Europäische Union nach außen wirkungsvoller darstellt. Wir schlagen deshalb vor, dass sich der Europäische Rat einen Vorsitzenden wählt, der nicht mehr, wie bisher, alle sechs Monate wechselt. Das wäre in einer Union mit 25 Mitgliedern keine wirklich praktikable Lösung mehr. Der Europäische Rat braucht in seiner Führung Beständigkeit.

 

Wir wollen gleichzeitig einen vom Europäischen Parlament gewählten Präsidenten der Kommission, der damit demokratisch legitimiert und politisch gestärkt wird. Das Europäische Parlament soll zum gleichberechtigten Gesetzgeber mit dem Rat werden. Von besonderer Bedeutung ist deshalb auch unser Vorschlag, einen Europäischen Außenminister zu schaffen. Damit kann Europa zum ersten Mal in den internationalen Beziehungen wirklich mit einer Stimme sprechen.

 

Wir haben dem Konvent darüber hinaus die Schaffung einer Europäischen Sicherheits- und Verteidigungsunion vorgeschlagen, die auch zur Stärkung des europäischen Pfeilers in der Allianz führen soll. Viele Anregungen Deutschlands und Frankreichs zur Reaktion auf neue Formen der Bedrohung — durch grenzüberschreitende Risiken, organisierte Kriminalität oder internationalen Terrorismus — sind auf ein positives Echo gestoßen. Das, was wir gemeinsam den “erweiterten Sicherheitsbegriff” nennen — der nämlich eine Politik des Rechtsschutzes und der sozialen, materiellen, kulturellen, aber auch ökologischen Sicherheit einschließt —, wird inzwischen weltweit als probate Strategie gegen die Risiken anerkannt. Was wir — in enger Abstimmung und vor dem Hintergrund europäischer Erfahrung bei der Bewältigung von Konflikten — vorschlagen, wird mehr und mehr auch anderen Partnern in der Welt einsichtig werden oder jedenfalls näher gebracht werden können: Sicherheit und Zusammenarbeit, durch Abrüstung und Konfliktprävention, durch regionale Bündnisse für Sicherheit, Menschen- und Minderheitenrechte und schließlich durch eine Politik der “Friedens-Dividende” durch ökonomische Kooperation.

 

Angestoßen durch Dialoge, die wir im vor 15 Jahren gegründeten Deutsch-Französischen Sicherheits- und Verteidigungsrat führten, haben wir die Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik zu einem Zeitpunkt konzipiert, als viele europäische Partner noch nicht an eine Sicherheitsdimension in der und für die Union dachten. Die deutsch-französische Brigade etwa wurde zum Kern des Eurokorps.

 

Heute sind wir, mit der Schaffung der Europäischen Eingreiftruppe, viel weiter. Die Stärkung der europäischen Sicherheitsidentität richtet sich gegen niemanden. Wir nehmen damit unsere Verantwortung wahr für die Stabilität unseres Kontinents, aber auch für die Fähigkeit, europäische Erfahrungen des Friedens und der Entwicklung anderen Völkern anbieten zu können; so, wie es Deutsche und Franzosen, in Afghanistan, auf dem Balkan und anderswo Seite an Seite tun. Und so, wie wir auch bei der Lösung internationaler Krisen, wie der um Nordkorea und den Irak, Seite an Seite zusammenarbeiten.

 

Im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, in dem derzeit vier europäische Staaten globale Verantwortung für Frieden und die internationale Sicherheit tragen, haben wir besonders enge Abstimmung vereinbart. Das scheint mir, gerade in dieser so schwierigen Zeit, fundamental. Wir setzen uns gemeinsam dafür ein, dass der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen seine zentrale Aufgabe, den internationalen Frieden zu erhalten, auch in diesem Konflikt wirklich erfüllen kann.

 

Deutschland und Frankreich stehen vor sehr ähnlichen Problemen, was die Zukunft unserer Sozialsysteme angeht. Wiederum kommt es gerade unseren Ländern zu, in der Welt von heute das Verhältnis von Markt, Staat und Zivilgesellschaft neu auszuloten, neue Freiräume zu schaffen und politisch Gerechtigkeit zu organisieren. Wir haben beschlossen, dabei nicht nur unsere Erfahrungen auszutauschen, sondern gemeinsam vorwärts weisende Vorschläge zu entwickeln, die in einen gesamt-europäischen Diskurs auch zu den sozialen Fragen des Kontinents einmünden müssen.

 

Aber inzwischen, und das muss hier kritisch angemerkt werden, stehen wir auch vor einem anderen Problem, nämlich dem, dass nach der erfolgreichen Versöhnung heute viel zu oft die sprachliche “Verständigung” nicht so ist, wie wir alle uns das wünschen. Trotz vielfältiger Bemühungen sind wir heute weiter denn je entfernt von einer flächendeckenden Verbreitung der jeweiligen anderen Sprache. Deshalb wollen wir alle — Regierungen und Parlamentarier, die Bundesländer in Deutschland und unsere Schulen — mehr dafür tun, das Interesse an der Sprache des Partners zu erhalten und, wo immer es geht, zu verstärken. Lassen Sie uns die Eltern von Schulkindern ermutigen, ihren Kindern zu einer entsprechenden Sprachenwahl im Schulunterricht zu raten.

 

Vielleicht sollten wir auch neue Wege beschreiten: Wir haben als große Errungenschaft den deutsch-französischen Fernsehkanal “ARTE”. “ARTE” zeigt, was ein wesentliches Element europäischer Demokratie werden muss: eine europäische Öffentlichkeit mit wirklich grenzüberschreitenden Debatten und Berichten.

 

Wir sollten auch darauf hinwirken, dass gerade für die junge Generation ein einheitlicher Raum für Ausbildung, Studium und Beruf entsteht. Auch in dieser Hinsicht haben wir uns gemeinsame Ziele gesetzt, die für Studenten, Forscher und Berufstätige die Chancen, tatsächlich in beiden Ländern aufwachsen, lernen und auch arbeiten zu können, erhöhen werden. Wir wollen, dass unser gemeinsames Projekt für Deutschland, Frankreich und Europa mehr und mehr die Teilhabe der Menschen einschließt und ermöglicht. Deshalb haben Präsident Chirac und ich vereinbart, dass wir langfristig Deutschen und Franzosen, die im jeweiligen Nachbarland leben, beide Staatsbürgerschaften anbieten wollen. Auf dem Weg zu diesem Ziel haben wir erste Fortschritte erreicht. Das heißt vor allem, dass Deutsche und Franzosen dort wählen und mitbestimmen können, wo sie tatsächlich leben. Auch dadurch werden unsere Länder und vor allem unsere Gesellschaften enger zusammenwachsen.

 

In unserer gemeinsamen Erklärung zum Jahrestag haben wir dazu aufgerufen, den 22. Januar künftig als deutsch-französischen Tag zu begehen. Wir wünschen uns, dass er in allen Bildungseinrichtungen dazu genutzt wird, für das Partnerland zu werben und die vielfältigen Möglichkeiten zum Lernen und zur Begegnung immer wieder ins Bewusstsein zu rufen.

 

Auch die heutige Plenarsitzung ist weit mehr als der symbolische Akt des Erinnerns an den für die Freundschaft zwischen unseren beiden Ländern so zentralen Elysée-Vertrag. Für die beiden Parlamente ist der heutige Tag, wie wir gehört haben, auch der Ausgangspunkt eines neuen Anlaufs zu noch intensiverer Zusammenarbeit.

 

Wir wissen, dass in Europa wenig vorangeht, wenn sich Deutschland und Frankreich nicht einig sind. Vieles, was wir bilateral als Einigung erzielen, ist auch geeignet, Widersprüche und Meinungsunterschiede einzuebnen, die sich zwischen anderen europäischen Partnern immer wieder einmal entwickeln. Aber wir werden auch unsere eigene Rolle neu definieren müssen: keinesfalls weniger energisch und dynamisch. Wir werden weiterhin mindestens genauso “Motivatoren” wie “Motoren” sein. Das wäre womöglich eine moderne Auslegung des historisch so einmaligen Elysée-Vertrages, dessen Inhalt – jedenfalls für uns, die wir heute zusammen sind, und für, ich bin sicher, die überwiegende Mehrheit der Menschen in unseren Ländern — Verpflichtung bleibt: Verpflichtung zur Versöhnung, zur Freiheit und zur Gerechtigkeit, nicht zuletzt Verpflichtung zur Verantwortung für unser gemeinsames Europa.“

 

Quelle: Rede von Bundeskanzler Gerhard Schröder bei der gemeinsamen Sitzung des Deutschen Bundestages und der Assemblée Nationale zum 40. Jahrestag der Unterzeichnung des Elysée-Vertrages am 22. Januar 2003 in Versailles; Bulletin Nr. 07-2 vom 23. Januar 2003; Herausgeber: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung.

 

Hinweis: Durch die Digitalisierung des Textes kann es zu Fehlern kommen. Der gesamte Redetext kann beim Presse- und Informationsamt der Bundesregierung angefordert werden

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