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Schlüsselübergabe im Bundeskanzleramt 2001

»Von hier aus wird nicht geherrscht, sondern von hier aus wird regiert. Das ist durchaus etwas anderes.« Rede von Bundeskanzler Gerhard Schröder bei der Schlüsselübergabe im neuen Bundeskanzleramt in Berlin.

 

Auszüge aus der Rede:

 

„ … Die Vollendung des Regierungsumzuges sollte ein Anlass ein, einen Augenblick über die Gestaltung der neuen Hauptstadt und ihrer Regierungsbauten nachzudenken. Eines will ich gleich vorweg sagen: Nichts ist hier endgültig. Welches Urteil sich die Menschen einmal auch über dieses Kanzleramt bilden werden, wird in erster Linie von der Politik, vom Stil der Regierung, unserer Regierung, aber auch künftiger Regierungen, abhängen. Aber auch was die Baulichkeiten angeht, bleiben die Dinge im Fluss. Die Menschen werden vieles, was heute noch Baustelle ist, so oder so in ihr eigenes Stadtbild integrieren. Wir alle wissen heute noch nicht, wie das Ensemble aus Kanzleramt, Abgeordnetenbauten und Lehrter Stadtbahnhof einmal wirken wird. Deswegen sollte ein gewisses Maß an Offenheit – da ist den Architekten Recht zu geben – gewährleistet sein. Das ist die Schwierigkeit bei allen Planungen. Sie müssen immer so auftreten, als seien sie für die Ewigkeit gemacht, dabei wissen wir zu genau, dass sich Gebäude und urbane Konstruktionen durch die tägliche Aneignung auch ein bisschen verändern.

 

Eines kann man den Entwürfen von Axel Schultes und Charlotte Frank ganz gewiss nicht vorwerfen, nämlich dass sie geschichtsvergessen wären. Dem, wenn man so will, demokratischen Bauauftrag nach Öffentlichkeit, nach Transparenz, nach Kommunikation, ja nach Begegnung ist wirklich in hervorragender, in großzügiger Weise genügt worden. Das tragende Element dieses Entwurfes ist das so genannte Band des Bundes, eine stadträumliche Idee, die sich sowohl historisch als auch politisch sehr gut deuten lässt.

 

Dieses Band des Bundes sollte sich wie ein Verband über Wunden legen, die einst die Stadthälften getrennt hatten. Hier im Spreebogen wollte Hitler einst das Kultzentrum seiner projektierten Reichshauptstadt errichten. Der geplante Kuppelbau hätte – ganz im Sinne des Diktators – den Reichstag gleichsam zur Hundehütte herabgewürdigt. Von dort aus sollte eine bombastische Aufmarschallee entstehen: 120 Meter breit, mehrere Kilometer lang, nach Süden von Kolossalbauten gesäumt. Man muss sich das heute noch einmal vor Augen führen: Diese bombastische Rollbahn des Bösen, so hat es ein kluger Kritiker genannt, ist erst durch das Band des Bundes endgültig überwunden. Eine große Leistung, wie ich denke.

 

Wo Hitler und Speer einen Nord-Süd-Strang durch die Stadt treiben wollten, stellt der Ost-West-Gebäuderiegel im Band des Bundes eine sichtbare Verbindung zwischen den ehemals getrennten Stadtteilen her. Die Mauer des Kalten Krieges wird so durch ein Band der Einheit ersetzt – so habe ich es jedenfalls verstanden. Dieser Entwurf setzt historische Erkenntnis und politischen Auftrag ohne jede Frage beispielhaft um.

 

Das Bundeskanzleramt ist wirklich ein prächtiger, ein beeindruckender Bau. Das Besondere an ihm ist, dass er viele Gesichter besitzt, Gesichter, die sich erst zeigen, wenn man das Gebäude von außen und von innen betrachtet hat. So präsentieren sich die Seitenflügel streng und diszipliniert, wirkt der Leitungsbau bisweilen undiszipliniert und verspielt, erfreut sich barocker Formenlust – für wen auch immer.

 

Sie ahnen natürlich schon, dass jetzt ein “Aber” kommt. Etwas anderes wäre der Debatte auch nicht gerecht geworden. Also kommt es. Doch dieses “Aber” hat nichts mit Architektenschelte zu tun. Ich möchte es mir auch nicht so leicht machen und sagen: “Das habe ja nicht ich in Auftrag gegeben.” Meine Zweifel haben mit Zwängen zu tun, mit Zwängen, die sich bei der Verteilung der Funktionen auf die ungleichen Hälften in diesem Band des Bundes ergeben haben. So musste das Haus für die Abgeordneten, das deutlich mehr Nutzfläche beansprucht, im östlichen Abschnitt untergebracht werden, weil das näher am Reichstag liegt. Damit aber hatte das Band des Bundes im Westtrakt plötzlich enorm viel Raum zur Verfügung, den die Architekten nun mit Kanzlergarten und Kanzlerpark – so heißt das jedenfalls – und auf der Vorderseite mit dem Großen Ehrenhof ausgefüllt haben. Das sah im Modell gut aus, in der Wirklichkeit allerdings haben manche Dimensionen dann doch eine andere Wirkung. Ich finde, das sollte Kern der Diskussion sein.

 

Wir beziehen heute nicht – und das ist wirklich gut so – Sanssouci oder Neuschwanstein. Von hier aus wird nicht geherrscht, sondern von hier aus wird regiert. Das ist durchaus etwas anderes. Ich habe in der Tat gesagt, dass mir der Bau wuchtig erscheine, in seiner Gesamtheit vielleicht ein bisschen zu groß für seinen Platz in der Mitte der Hauptstadt. Aber wenn manche Kritiker schon heute ausmalen, der Bundeskanzler könnte Skylobby, Galerie und Freitreppen zu Auftritten nutzen wie sonst nur Show- und Filmstars, kann ich nur dringend empfehlen: Lasst uns den Ball flachhalten. Und meine Scheu vor Auftritten und Publicity ist ja sprichwörtlich. – Am Ende entscheiden die Regierenden und die Regierten darüber, was dieser Bau ist und wie er wahrgenommen wird. Das ist auch gut so.

 

Wir alle leisten hier eine Arbeit, mit der uns die Bundesbürger, die Wählerinnen und Wähler beauftragt haben. Das Bundeskanzleramt ist daher auch kein pathetischer Ort. Es ist kein Platz der großen Geste. Wir wollen gerade in dieser Stadt, in der die Menschen durch ihre friedliche Revolution die schmerzliche Teilung Europas überwunden haben, unseren europäischen Nachbarn, aber nicht nur denen, unter Beweis stellen, dass wir gute Nachbarn, verlässliche Freunde und selbstbewusste, vertrauenswürdige Partner sind. Dazu brauchen wir kein großes oder kein kleines Kanzleramt. Unser Selbstbewusstsein als erwachsene Nation, die nicht über, aber auch nicht unter anderen Völkern stehen möchte, müssen wir nicht in Stein meißeln. …“

 

Quelle: Rede von Bundeskanzler Gerhard Schröder bei der Schlüsselübergabe im neuen Bundeskanzleramt am 2. Mai 2001 in Berlin; Bulletin Nr. 29-2 vom 3. Mai 2001; Herausgeber: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Hinweis: Durch die Digitalisierung des Textes kann es zu Fehlern kommen. Der gesamte Redetext kann beim Presse- und Informationsamt der Bundesregierung angefordert werden.

 

Auf der Seite www.bundeskanzlerin.de können Sie einen virtueller Rundgang durch das Kanzleramt machen (externer Link)!

 

 

 

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